Reportagen

Bericht über die Ausstellung der Great Scottish Tapestry in Galashiels, Schottland

„Bitte nichts anfassen, es sind keine Glasscheiben vor den Panelen“, sagt die Dame am Eingang zur Ausstellung und weist auf Lupen hin, mit denen man sich Details genauer anschauen kann. Ich finde wunderbar, wie nah man an die Panele herantreten kann. Alle Fotos können nicht ersetzen, was man so nah und plastisch sehen kann.

Der Great Tapestry of Scotland ist eines der weltweit größten Gemeinschafts-Kunstprojekte, das von 1.000 Menschen aus ganz Schottland gestickt wurde. Inspirationsquelle war der Teppich von Bayeux. Auf 160 Leinenpanelen wurden mit Wollfäden Szenen und Geschichten dargestellt.

Der Wandteppich wurde von Andrew Crummy entworfen. Er setzt eine Idee des schottischen Autors Alexander McCall Smith um, der sich einen Wandteppich mit Episoden aus 12.000 Jahren schottischer Geschichte wünschte. Der Historiker und Schriftsteller Alistair Moffat war an der Auswahl der darzustellenden Personen und Szenen beteiligt.

Die Fertigstellung jedes einzelnen Panels dauerte etwa 500 Stunden. Über tausend Freiwillige aus bestehenden oder neu gegründeten Nähgruppen in ganz Schottland arbeiteten zwischen Frühjahr 2012 und September 2013 daran. Der fertige Wandteppich wurde am 3. September 2013 in der Haupthalle des schottischen Parlamentsgebäudes enthüllt.

Das eigens für diesen Zweck erbaute Ausstellungsgebäude, in dem die Tapisserie untergebracht ist, wurde im August 2021 in Galashiels im Herzen der führenden Textilregion Großbritanniens eröffnet. Es würdigt das kreative Talent der Stickerinnen und erzählt die Geschichte von Schottland – von Maria Stuart, Robert the Bruce, Robert Burns und Sir Walter Scott bis hin zu Rugby, Fußball, Filmen und Musik.

Ich habe aus den 160 Panelen vor allem die ausgewählt, in denen es um Textiles geht. Sie werden sehen, es sind einige. In ein paar Fällen fand ich die gestickten Details, die man sich mit der Lupe ansehen konnte, so schön, dass ich sie Ihnen zeigen möchte. Wichtig finde ich auch, dass auf jedes Panel in einem Feld rechts oder links unten der Name der Stickgruppe aufgestickt ist. Die Namen der einzelnen Stickerinnen erfährt man in der Beschreibung im Leuchtkasten unterhalb des jeweiligen Panels.

Auf dem ersten dieser Panels geht es ums Fair-Isle-Stricken, das ist eine traditionelle schottische Technik, die für ihre bunten, geometrischen Muster bekannt ist. Dabei wird meist glatt rechts und in Runden gestrickt, mit maximal zwei Farben pro Runde, was das Stricken erleichtert und ein gleichmäßiges Ergebnis erzeugt. Die Fäden der nicht verwendeten Farbe werden dabei eingewoben.

Auf dem zweiten Panel wird der Tweed gewalkt, eine Behandlungsmethode, die viel Kraft und Ausdauer erfordert. Dazu wird meist gesungen, um die eintönige Arbeit kurzweiliger zu machen.

Auf dem nächsten Panel geht es um die „Killing Times“, eine Zeit intensiver Verfolgung der presbyterianischen Covenanters durch die schottische Regierung, die von den frühen 1660er bis zu den späten 1680er Jahren andauerte. Ich habe das Panel wegen des außerordentlich schönen Details am linken Rand ausgewählt.

Noch ein Hinweis auf eine besonders schöne Stickarbeit: das Panel zum erneuten Zusammentritt des schottischen Parlaments im Jahr 1999. Die Distel, das Nationalsymbol Schottlands, wird mit vielen unterschiedlichen Stickstichen dargestellt.

Zurück zu Textilem: Schafscheren, Weben und Spinnen.

Das Paisley-Muster kennen Sie. Wussten Sie auch, woher es kommt? Es beruht auf dem persischen Boteh-Muster. Vermutlich stellt es den Sproß einer Dattelpalme dar. In den späten 1700er Jahren kamen Soldaten aus Indien mit Seide und wollenen Kaschmir-Schals zurück nach Hause, die mit dem Boteh-Muster dekoriert waren. Ab etwa 18oo schufen Weber in der Stadt Paisley nahe Glasgow Schals mit diesem Design. Daher trägt das Boteh-Muster den Namen Paisley-Muster.

Der Textilunternehmer Robert Owen war der Überzeugung, dass verbesserte soziale Bedingungen der Arbeiter den Produktionsprozess positiv beeinflussen. In seiner Baumwollfabrik setzte er verschiedene Reformen um: Er errichtete eine Schule für die Kinder der Beschäftigten, schränkte Kinderarbeit ein, schaffte körperliche Züchtigungen ab und führte eine Altersvorsorge sowie eine Art Krankenversicherung ein.  Die Fabrik und die Arbeiterwohnungen existieren noch und können in New Lanark besichtigt werden. (mehr)

Glasgow ist berühmt für seine Jugenstil-Gebäude und -Interieurs von Charles Rennie Mackintosh.

Dachten Sie, den schottischen Kilt habe es seit Urzeiten gegeben? Weit gefehlt. Er wurde erst in den 1720er Jahren von Thomas Rawlinson, einem Quaker aus Lanceshire „erfunden“ beziehungsweise entwickelt. Bis dahin trugen die Schotten den big kilt, eine riesige Decke, die sie um sich wickelten und mit einem breiten Gürtel befestigten. Rawlinson fand, diese Bekleidung behindere seine Arbeiter und er förderte die Entwicklung des „small kilt“, der etwa so aussieht, wie wir ihn heute kennen.

Und dafür braucht man noch heute viel Stoff, deshalb hier auch das Panel, in dem es um die Förderung des Wollhandels geht.

Dundee war bekannt für drei Dinge: Jute, Marmelade und Journalismus. Im Englischen: Jute, Jam and Journalism. Im 18. Jahrhundert war die Stadt bereits ein etabliertes Zentrum der Textilproduktion, vor allem für Leinen, und stellte riesige Mengen an Segeltuch für Europa her. Die „Marmeladenkomponente“ der industriellen Dreifaltigkeit von Dundee begann 1797, als Janet Keiller bittere Sevilla-Orangen zu Marmelade verarbeitete und zusammen mit ihrem Ehemann James ein Unternehmen gründete, das weltberühmt werden sollte.

Das letzte Panel zeigt eine Wäscherin in einem öffentlichen Waschhaus. Eines der ersten öffentlichen Waschhäuser in Glasgow wurde 1732 im Glasgow Green errichtet. Aufgrund der zunehmenden Slumverhältnisse in Glasgow und des Mangels an fließendem Wasser in der Zeit der Industrialisierung war es wichtig, solche Orte zu schaffen, an denen die Einwohner Glasgows sich selbst und ihre Kleidung waschen konnten, um die Hygiene und Gesundheit in der ganzen Stadt zu verbessern.

Zum Abschluss will ich Ihnen noch sagen, worum es bei dem Panel geht, von dem ich Ihnen ganz oben im Titel einen Ausschnitt zeige: Nach vier Monaten Belagerung nahmen die Wikinger im Jahr 870 n.Chr. die Festung auf dem Dumbarton Rock ein. Nur durch Wassermangel mussten sich die Verteidiger geschlagen geben.