Portraits & Interviews

Interview mit der schwedischen Textilkünstlerin Sofie Karlsson

Als ich die Arbeiten von Sofie Karlsson zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich spontan an die amerikanische Textilkünstlerin Sheila Hicks, auch sie arbeitet mit Schnüren und Knoten. Und doch haben die Arbeiten von Sofie Karlsson ein ganz eigene Note.

Here you can download the English version of this interview.

Wo sind Sie aufgewachsen und wo leben Sie heute?

Ich bin in Halmstad an der schwedischen Westküste aufgewachsen, in der Nähe vom Meer als auch vom Wald. Im Jahr 2016 bin ich zum Studium nach Göteborg, der zweitgrößten Stadt Schwedens, gezogen und lebe seitdem hier. Heute teile ich mir ein Atelier mit fünf anderen Textilkünstlern, was eine großartige Inspirationsquelle ist!

Haben Sie eine künstlerische Ausbildung ?

Ich habe Textilkunst an der HDK-Valand in Göteborg studiert. Ich habe 2016 mein Studium aufgenommen und 2024 meinen Master-Abschluss erworben. Im Jahr 2018 absolvierte ich ein Austauschsemester in Japan. Es war eine fantastische Gelegenheit, meine textilen Fertigkeiten zu vertiefen und zu erfahren, wie japanische Textiltraditionen bewahrt und im zeitgenössischen Kontext neu interpretiert werden.

Sie kombinieren Weben, Seilherstellung und Makramee-Knoten. Was hat Sie ursprünglich zu gerade diesen Textiltechniken hingezogen, und was können Sie damit ausdrücken, was andere Medien vielleicht nicht ermöglichen?

Kurz bevor ich mein Studium begann, besuchte ich eine Retrospektive der schwedischen Künstlerin Veronica Nygren. Nygrens Werk hat mich tief beeindruckt. Ihr experimenteller Umgang mit Weberei, Farbe und Materialien führte mich zu anderen Künstlern der 1960er und 70er Jahre, die traditionelle Arbeitsweisen im Bereich Weberei und Textilien hinterfragten. Nachdem mir die Tür zur „Welt der Fasern“ geöffnet worden war, begann ich zu erforschen, wie ich einen ähnlichen Ansatz verfolgen und Techniken sowie Materialien aus meiner Umgebung kombinieren könnte.

Mein Hauptinteresse gilt der Frage, wie einfache textile Strukturen durch Wiederholung, andere Größenverhältnisse und physische Bearbeitung so verändert werden können, dass sie ein Gefühl für Haptik wecken. Die von mir angewandten Techniken ermöglichen es mir, direkt mit meinen Händen und meinem Körper zu arbeiten und so Texturen zu schaffen, die Spuren des Entstehungsprozesses bewahren und sich mit anderen Medien nur schwer in gleicher Weise wiedergeben lassen.

Knoten und Seile sind zentrale Elemente in Ihrem aktuellen Schaffen. Was fasziniert Sie an der symbolischen und praktischen Sprache der Knoten?

Die Arbeit mit Techniken, die kulturübergreifend anzutreffen sind, ermöglicht es mir, einen umfassenderen Blick auf die Rolle von Textilien im Alltag zu werfen – sowohl heute als auch in der Vergangenheit. Knoten und Seile erfüllen praktische Funktionen wie das Halten, Verbinden, Sichern und Reparieren. Diese Funktionen sind universell. Die praktischen Anwendungen gehen zudem Hand in Hand mit ihren symbolischen Bedeutungen, die sich auf Beziehungen, Erinnerung und Schutz beziehen können. Diese Ideen stehen im Einklang mit meiner Herangehensweise an textile Materialien und der Schaffung kompakter Strukturen mit Variationen in Maßstäben und Farben.

Was die Geschichtsschreibung über Frauen vermittelt, spielt in Ihrem Werk eine wichtige Rolle. Warum ist das so?

Textilarbeit war historisch gesehen eng mit der Arbeit von Frauen verbunden. Sie wurde oft zu Hause und als Teil des Alltagslebens verrichtet, wobei Wiederverwendung und Dekoration eine zentrale Rolle spielten. Ich finde es bedauerlich, dass ein Großteil dieser Arbeit und dieses Wissens in der traditionellen Kunst- und Kulturgeschichte übersehen wurde. Objekte und Techniken können uns etwas über die Menschen erzählen, die sie hergestellt haben, aber auch über die Gesellschaften und Umstände, in denen sie entstanden sind. Ich empfinde dies als einen interessanten Ausgangspunkt für die Erforschung und die Vorstellungskraft in meinen Werken. Ursula K. Le Guin hat in ihrem Essay „The Carrier Bag Theory of Fiction“ über dieses Thema geschrieben – ein Text, der meine Sichtweise auf meine Arbeit geprägt hat.

Sie beschreiben Textilien als etwas, das mit Geschichte und nonverbaler Kommunikation verbunden ist. Bitte erläutern Sie dies.

Die Arbeit mit Knoten und Seilen ermöglicht es mir zu erforschen, wie dreidimensionale Strukturen als eine Art stillschweigende Sprache verstanden werden können. Ein faszinierendes Beispiel sind die Quipus, die im Inka-Reich verwendet wurden. Knoten, Schnüre und Farben dienten der Kommunikation und der Aufzeichnung von Informationen sowie spirituellen Zwecken. Ich finde es interessant, wie Dekoration und Notwendigkeit nebeneinander bestehen können, anstatt das das eine das andere beeinträchtigt.

Viele traditionelle Textiltechniken wurden in der Vergangenheit mit unsichtbarer oder unterbewerteter Arbeit in Verbindung gebracht. Was denken Sie zu diesem Thema?

Ich bin froh, dass ich in einer Zeit lebe, in der dieses Thema mehr Beachtung findet. Für mich ist dies auch ein Grund, weiterhin mit Textilien zu arbeiten. Zeit ist ein wichtiger Aspekt des Handwerks, doch die Arbeit, die hinter dem Werk steckt, ist nicht immer sichtbar oder wird nicht immer vollständig verstanden.


Durch meine Arbeit möchte ich einen Zugang zur Materialität in unserem digitalen Zeitalter bieten und hoffentlich Gedanken sowie neue Erkenntnisse über Zeit und Arbeit anregen, die über das Kunstwerk selbst hinausgehen.

Wenn Besucher auf Ihre Arbeiten treffen, welche Art von emotionaler, körperlicher oder intellektueller Reaktion erhoffen Sie, das die Texturen, Knoten und Materialien hervorrufen?

Ich möchte, dass die Menschen zunächst die Textur, das Gewicht, den Maßstab und die Materialität wahrnehmen, bevor sie versuchen, die Bedeutung der Arbeit zu verstehen. Ich möchte, dass meine Arbeiten ein körperliches Gefühl der Vertrautheit hervorrufen, aber auch etwas Unerwartetes. Die Techniken mögen zwar erkennbar sein, doch durch die Veränderung ihres Maßstabs oder Kontexts können sie ungewohnt wirken.
Ich hoffe, dass meine Werke die Menschen dazu anregen, inne zu halten und sich etwas Zeit zum Betrachten zu nehmen. Ihre Herstellung ist mit viel Wiederholung und körperlicher Arbeit verbunden, und ich möchte, dass sich etwas von dieser Langsamkeit auch in der Erfahrung des Werks widerspiegelt.

Erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen mit der TextilFest-Ausstellung in Igualada.

Das TextilFest in Igualada bot mir die Gelegenheit, meine Arbeiten in einem internationalen textilen Kontext zu präsentieren, was ich wirklich spannend finde. Da ich im letzten Jahr Mutter geworden bin, konnte ich die Ausstellung nicht besuchen, aber ich hoffe, dass ich bei einer anderen Gelegenheit die Chance haben werde, dort hinzugehen und andere internationale Textilkünstler kennenzulernen. Auf den Fotos fand ich den Raum und den kuratorischen Ansatz sehr interessant.

Wo sehen Sie sich und Ihre Kunst in etwa zehn Jahren?

In zehn Jahren hoffe ich, meine künstlerische Praxis weiterentwickelt zu haben und ihr gleichzeitig Raum für Veränderung und Weiterentwicklung zu lassen. Ich möchte mich weiterhin mit Textilien durch Weben, Seilherstellung und Knoten beschäftigen, um diese Techniken in Bezug auf Maßstab, Material und Raum weiter voranzutreiben. Außerdem möchte ich weiterhin international tätig sein und von verschiedenen textilen Traditionen und Gemeinschaften lernen. Gleichzeitig möchte ich mit der Textilgemeinschaft in Göteborg verbunden bleiben und dazu beitragen, Textilkunst sichtbarer und zugänglicher zu machen.

Sofie Karlsson hat eine schöne Website: https://www.sofiekarlsson.com/