Portraits & Interviews

Interview mit der kanadischen Textilkünstlerin Kathleen Morris

Die Art und Weise, in der Kathleen Morris Pflanzen in ihre Webarbeiten integriert, finde ich innovativ und faszinierend. Ich habe sie interviewt.

Here you can download the English version of this interview.

Wo sind Sie aufgewachsen und wo leben Sie heute?

Ich wurde in Großbritannien geboren und bin in Toronto, Kanada, aufgewachsen, wo ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe.

Wo kamen Sie zum ersten Mal mit Handarbeiten in Berührung?

Die Grundkenntnisse habe ich von meiner Mutter gelernt, wie es in der Zeit meiner Kindheit oft der Fall war. Als Kind der 1970er Jahre wuchs ich zu einer Zeit auf, in der sich die Fiber-Art-Bewegung etablierte, die von einer neu entdeckten Begeisterung für die Textilkunst geprägt war. Makramee, Wandteppiche, Flechtarbeiten und das Weben ohne Webstuhl waren aufkommende Techniken, die ich in den Wohnungen der Menschen, in Zeitschriften und später auch in Galerien aufkommen sah. Die kühnen und skulpturalen Formen, die damit möglich waren, haben mich zutiefst inspiriert.

Als Erwachsene wurde mir bewusst, dass die Innovationen in der Textilpraxis der 1970er Jahre eng mit der zweiten Welle des Feminismus verflochten waren. Auch wenn ich damals keinen direkten Zusammenhang herstellte, war mir doch klar, dass beide Bewegungen anerkannten, dass Frauen etwas zu sagen hatten.

Abgesehen davon war mir schon in jungen Jahren bewusst, dass meine frühen materiellen Erkundungen mit Textilien mir einen Rückzugsort aus dem Alltag boten. Die Arbeit an Projekten war eine einsame Tätigkeit, losgelöst von Familie und Freunden, in der ich wieder zu mir selbst finden konnte. Ich empfand das Experimentieren als belebend und ließ mich davon leiten. Einige meiner frühen Erkenntnisse darüber, was mir Textilien boten, sind bis heute relevant.

Haben Sie eine künstlerische bzw. textile Ausbildung?

Ich habe Kurse in verschiedenen textilen Fertigkeiten besucht. Außerdem habe ich einen Bachelor-Abschluss in Design von der OCAD University in Toronto.

Welche Techniken und Materialien bevorzugen Sie?

Der Arbeitsprozess am Webstuhl zieht mich immer wieder in seinen Bann. Die Vorbereitung ist langsam und langwierig, und wer auf diese Weise arbeitet, muss sich dem Zeitaufwand hingeben. Dieser Prozess hat etwas an sich, das mich zur stillen Besinnung einlädt. Unweigerlich finde ich beim Aufwickeln der Kette oder beim Einfädeln des Webstuhls Ruhe und geistige Klarheit. Das ist für mich ebenso bedeutsam wie das Weben selbst oder das daraus entstehende Kunstwerk.

Die Auswahl der Materialien ist ein wichtiger Aspekt. Seit acht Jahren arbeite ich mit Kombinationen aus Leinen, Hanf und Papier. Jedes Material hat seinen eigenen Charakter und bringt seine ganz eigenen Eigenschaften in ein Projekt ein.

Erzählen Sie uns etwas über die Verwendung von Pflanzen in Ihren Werken.

Meistens dient die Verwendung von Pflanzen dazu, dem, was in meiner Nachbarschaft wächst, Tribut zu zollen. Diese Arbeitsweise wurde von unzähligen Einflüssen geprägt, darunter auch meinem Engagement als Moderatorin ortsbezogener Kunstprojekte mit Kindern. Ein ortsbezogener Ansatz rückt die Nachbarschaft in den Mittelpunkt, um mehr über die Gemeinschaft, die bebaute Umwelt und nichtmenschliche Arten zu erfahren.

Ich möchte an dieser Stelle unbedingt zwei Künstler hervorheben, die mich in dieser Hinsicht tief inspiriert haben: Kathleen Vaughan und Jason Logan. Vaughan erforschte die Geschichte und Ökologie ihrer unmittelbaren Umgebung, um ein tieferes Verständnis für das Zugehörigkeitsgefühl zu einem Ort zu erlangen; Logan experimentierte mit Pflanzen, die auf der Bahntrasse in der Nähe meines Zuhauses im West End wuchsen, um lebendige und ungewöhnliche Tinten herzustellen. Mein Interesse daran, was in meiner Nachbarschaft wächst, ist eng verbunden mit dem Gefühl der Zugehörigkeit zu dieser Umgebung – gemeinsam mit anderen Arten, die hier zu Hause sind; und meine Neugier auf die Pflanzenwelt regt mich dazu an, in meinen Kunstwerken mit ihnen zu experimentieren.

Bitte erzählen Sie uns von Ihrer Arbeit im Repair Café.

Ich begann, Workshops für das Repair Café zu leiten, als ich 2022 meine Lehrtätigkeit beendete. Da ich aus dem Hochschulbereich kam, war ich sehr daran interessiert, mich in Basisinitiativen zu engagieren, in denen eine Gruppe von Freiwilligen einfach ihre Fähigkeiten mit anderen teilen kann, die diese erlernen möchten. Ich arbeite mit einem kleinen Team zusammen und gebe Workshops zum Thema Nähen in Bibliotheken und Gemeindezentren.

Inwiefern lassen sich Reparaturpraktiken als Akte des Widerstands gegen die Konsumkultur interpretieren?

Hoffentlich in jeder Hinsicht. Seit einigen Jahren gibt es ein erneutes Interesse an der Reparaturkultur, da die Menschen nach einem sinnvollen Weg suchen, der über das hinausgeht, was ihnen vermarktet wird. Es bestärkt mich, wie weit Menschen gehen, um etwas zu bewahren oder wiederherzustellen, das ihnen am Herzen liegt.

Ihre Forschung befasste sich mit den Schnittstellen zwischen Textilien, Hochschulbildung und neuen Diskursen zum Handwerk. Bitte erzählen Sie uns mehr über dieses faszinierende Thema.

Neue Diskurse zum Handwerk bieten thematische Verbindungen, die bislang noch nicht erforscht wurden. In jüngeren Veröffentlichungen wurde die Rolle des Handwerks bei der Reflexion von Identität und Ort untersucht; die Art und Weise, wie Handwerk Einblicke in Kultur, Politik und Geschlechterfragen gewährt; sowie die Verbindung des Handwerks mit sozialer Verantwortung und Gemeinschaft. Die modernistische Vorstellung, dass Handwerk etwas anderes sei als bildende Kunst, ist weitgehend überwunden, da das Handwerk mittlerweile seinen eigenen Stellenwert erlangt hat.

Auch wenn die Definition von Kunsthandwerk schwierig sein mag, ist ein wesentliches Merkmal die Verwendung physischer Materialien. Kunsthandwerk kann sowohl im Entstehungsprozess als auch im Ergebnis als Gegenpol zu unserer zunehmend entmaterialisierten Welt betrachtet werden. Die Herstellung eines Objekts erfordert die Arbeit mit den Händen und führt zu einem Artefakt, das die Spuren menschlicher Handarbeit trägt. Als solches steht Kunsthandwerk für Zeit, Arbeit, Fertigkeit, implizites Wissen und künstlerische Veranlagung, ebenso wie es von Lebensweisen und der materiellen Kultur im weiteren Sinne zeugt.

Wenn ich von Kunsthandwerk spreche, schließe ich damit auch den Bereich der Textilien ein. Für viele Künstlerinnen und Künstler sind Textilien zu einem Mittel geworden, um über den Körper, Politik, Geschlecht, das Selbst, Kultur und Politik zu sprechen. Als ich noch lehrte, beobachtete ich einen Zustrom von Absolventinnen und Absolventen aus Kunststudiengängen, die mit Textilien arbeiten wollten. Es freute mich, dass einige der Grenzen, die künstlerische Praktiken und Machtverhältnisse voneinander abgrenzten, zunehmend durchlässiger wurden. Ich finde es nach wie vor ermutigend, dass sich Menschen der Textilkunst als Ausdrucksmittel zur Sinnstiftung zuwenden und dabei mit jahrhundertealten Techniken arbeiten.

Im Hochschulbereich muss die Textilpraxis in einem aktiven Dialog mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen stehen – darunter Gender Studies, Material- und visuelle Kultur sowie Anthropologie, um nur einige zu nennen. Während fachspezifische Kompetenzen Zeit und Aufmerksamkeit erfordern, lädt die der Textilwissenschaft innewohnende Interdisziplinarität zu einem umfassenderen Verständnis ihrer globalen und historischen Verortung ein. Gleichzeitig sind Textilkurse von Natur aus atelierbasiert. Ein Großteil des Lernens besteht aus offenem und spekulativem Arbeiten, bei dem die Erforschung der Materialien im Mittelpunkt steht. So wie das Handwerk nicht entmaterialisiert werden kann, lässt sich auch die Erfahrung des Lehrens und Lernens nicht durch eine Verlagerung ins Internet entmaterialisieren. Vielmehr muss dies im Atelier geschehen – dort, wo Möglichkeiten erprobt, Ideen ausgetauscht und Ergebnisse reflektiert werden.

Bitte erzählen Sie uns etwas über Ihre Tätigkeit als Lehrerin.

Ich habe 17 Jahre lang an der OCAD University im Textilstudio unterrichtet, bevor ich die Universität im Jahr 2022 verlassen habe. Insgesamt war es eine Freude und ein Privileg, mit den Studentinnen und Studenten zusammenzuarbeiten und sie bei ihren Ideen zu unterstützen. In meinen letzten Lehrjahren waren die Kürzungen im Hochschulbereich besonders ausgeprägt, was zur Streichung von Kursen, einem Rückgang des fachspezifischen Wissens, wachsenden Klassengrößen und einer zunehmenden Abhängigkeit vom Online-Unterricht führte. Sowohl die Lehrerinnen als auch die Studentinnen und Studenten waren eine kreative und belastbare Gruppe, doch die finanziellen Einschränkungen auf Provinzebene veränderten das Klima im Lernumfeld und wirkten sich tiefgreifend auf einige der Lernergebnisse aus.

 

Die Website von Kathleen Morris finden Sie unter: https://www.kathleen-morris.com/

Ihre Instagram-Adresse ist: https://www.instagram.com/kathleen_a_morris/