Portraits & Interviews

Interview mit der kanadischen Textilkünstlerin Sheree Rasmussen

Eine Freundin hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Sheree Rasmussen vom 13. April bis 29. Mai 2026 im Europarat in Straßburg eine Ausstellung  zeigt. Die Bilder von den ausgestellten Arbeiten gefielen mir so gut, dass ich die Künstlerin um ein Interview gebeten habe.

Here you can download the English version of this interview.

Wo sind Sie aufgewachsen und wo leben Sie heute?

Ich bin in Toronto, Kanada, aufgewachsen und teile meine Zeit heute zwischen Straßburg in Frankreich und Warkworth in Ontario auf, einem kleinen Dorf auf dem Land nordöstlich von Toronto.

Wie hat Ihre Mutter Ihren Umgang mit Textilien beeinflusst?

Den Einfluss meiner Mutter auf meine Arbeit habe ich erst später im Leben wirklich erkannt. Sie war in erster Linie Hausfrau, aber sie strickte und nähte auch meine gesamte Kleidung, arbeitete mit Keramik und war eine außergewöhnliche Köchin. Rückblickend wird mir klar, wie kreativ die Kleidungsstücke waren, die sie für mich anfertigte. Sie liebte kräftige Farben und fügte immer unerwartete Details und persönliche Akzente hinzu. Ich erinnere mich an ein lila A-Linien-Kleid aus Wolle, das sie genäht hatte und das einen versteckten Streifen aus leuchtend orangefarbenem Stoff enthielt, der bei jeder Bewegung zum Vorschein kam.

Haben Sie eine künstlerische Ausbildung?

Ich bin Absolventin des Ontario College of Art and Design in Toronto, wo ich Textildesign mit Schwerpunkt Weberei studierte.

Welche Einflüsse haben Ihre Arbeit geprägt?

Ich bin in einem sehr künstlerischen Haushalt aufgewachsen. Mein Vater war Künstler, und Toronto – eine der multikulturellsten Städte der Welt – brachte mich schon früh mit einer Vielzahl künstlerischer und musikalischer Traditionen in Kontakt.

Das Reisen wurde zu einer wichtigen Inspirationsquelle. In meinen frühen Zwanzigern verbrachte ich Zeit im Nahen Osten und in Südeuropa. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich zum ersten Mal ein Beduinenkleid sah und von der Feinheit der Stickereien beeindruckt war, ebenso wie von den Innenräumen der Beduinenzelte, die mit reich gemusterten gewebten Stoffen ausgekleidet waren.

Wie beeinflusst der Tanz Ihre Mustergestaltung?

Der Tanz hatte auch einen starken Einfluss auf meine Bildsprache. Ich habe Tanz studiert und mich später mit internationalem Volkstanz beschäftigt, insbesondere aus den Balkanregionen, wo mich die Trachten und die vielschichtigen Verzierungen tief beeindruckt haben. Ich glaube, dass Bewegung und Choreografie meinen Geist für komplexe Muster sensibilisiert haben.

Wie setzen Sie Bewegung in Farbe und Muster auf Stoff um?

Wenn ich meine Arbeiten schaffe, erlebe ich Farbe und Form oft körperlich, fast wie eine Bewegung im Körper, was ein Grund dafür ist, dass der Prozess intuitiv und spontan bleibt, anstatt streng geplant zu sein.

Eine der Herausforderungen in meiner Arbeit ist es, diese spontane Arbeitsweise mit dem Medium Textil zu verbinden, das traditionell Planung und akribische Präzision erfordert. Ich arbeite schnell, schneide Stoffstücke zu und platziere sie direkt auf der Oberfläche, wobei ich die Schere fast wie einen Pinsel und den Stoff wie Farbe verwende.

Sobald die Stücke positioniert sind, stecke ich sie fest und baue nach und nach mehrere Schichten auf. Dann nähe ich mit der Maschine jedes Stück fest, bevor ich den Vorgang wiederhole. Der letzte Schritt ist das Maschinenquilten, das die Komposition strukturell und visuell zusammenführt.

Wie schaffen Sie in Ihren Textilien die Balance zwischen Glanz und Zurückhaltung?

Ich denke auch sorgfältig darüber nach, wie ich Üppigkeit und Zurückhaltung in Einklang bringe. Selbst wenn ich intensive Farben, Schimmer oder sehr lebhafte Oberflächen verwende, achte ich genau auf Rhythmus, Abstände und Ruhezonen innerhalb der Komposition. Ich fühle mich von Fülle angezogen, aber nicht von Überfluss um seiner selbst willen. Durch ständiges Überarbeiten und Anpassen versuche ich, Werke zu schaffen, die leuchtend und lebendig wirken und dennoch geerdet und ausgewogen sind.

Warum ist der Garten in Ihrer Kunst ein Symbol der Einheit?

Ich war fasziniert, als ich erfuhr, dass das Wort „Garten“ aus der persischen Vorstellung vom Paradies stammt – einem ummauerten Raum, der als kleines, in sich geschlossenes Universum gedacht ist. Dieses Konzept findet in meiner Arbeit starken Widerhall. Ich betrachte jede Komposition als eine in sich geschlossene Welt, die durch Farbe, Schichtung und die Beziehungen zwischen vielen verschiedenen Elementen entsteht.

Was ist ein „Textilgarten“ innerhalb eines Werks?

Erst vor kurzem wurde mir der Einfluss meiner fünfundzwanzigjährigen Karriere als Landschaftsarchitektin bewusst. Viele meiner Kompositionen lassen sich nun fast wie Gartenanlagen verstehen – vielschichtige Umgebungen, die durch Rhythmus, Kontrast, Dichte und Ausgewogenheit entstehen. Der Betrachter kann durch das Werk schlendern, fast wie bei einem Spaziergang durch einen Garten.

Wie sieht „Einfachheit durch Komplexität“ in der Praxis aus?

Für mich entsteht Einfachheit nicht durch Reduktion, sondern dadurch, dass ich vielen Elementen erlaube, sich zu einem Ganzen zusammenzufügen. Meine Oberflächen bestehen aus Hunderten von Fragmenten, Schichten und Farbbeziehungen, doch das Ziel ist niemals visuelles Durcheinander. Mit der Zeit löst sich die Komplexität in etwas Ruhigem und Einheitlichem auf.

Ich betrachte die Arbeit als einen Prozess der Akkumulation, der schließlich Klarheit schafft. Einzelne Fragmente, Stiche und Farbverläufe bleiben sichtbar, doch zusammen bilden sie ein vollständiges und harmonisches visuelles Erlebnis.

Wie lenken Mandala-ähnliche Strukturen die Erfahrung des Betrachters?

Beeinflusst hat mich auch mein Studium des tibetischen Buddhismus, insbesondere die immersive visuelle Komplexität von Mandalas und Tempelinnenräumen. Obwohl meine Arbeit nicht auf traditionellen Mandala-Formen basiert, fühle ich mich mit deren kontemplativen und immersiven Eigenschaften verbunden. Die Schichtung, Wiederholung und der allmähliche Aufbau von Farbe erzeugen einen meditativen Rhythmus innerhalb der Arbeit. Mich interessiert, wie eine textile Oberfläche Komplexität in sich tragen und gleichzeitig zum längeren Betrachten einladen kann, sodass der Betrachter im Laufe der Zeit langsam in das Werk eintauchen kann.

Wie verbindet Schönheit in Ihrer Arbeit Menschen?

Schönheit ist zentral für mein Denken. Ich glaube, dass Schönheit eine universelle menschliche Sprache ist, die Menschen über Unterschiede hinweg verbinden kann. Geschmack und Vorlieben mögen variieren, aber die zugrunde liegenden Prinzipien der Schönheit sind tief verwurzelt. Nur wenige Menschen stellen die Schönheit der Natur selbst in Frage.

In einer Zeit, die von Spaltung und ständigen Konflikten geprägt ist, glaube ich, dass Schönheit wichtiger geworden ist, nicht weniger. Ich hoffe, dass meine Arbeit Momente der Verbindung, der Aufmerksamkeit und der gemeinsamen Erfahrung schafft. Wie Dostojewski schrieb: „Die Schönheit wird die Welt retten.“

 

Die Website von Sheree Rasmussen ist: https://www.shereerasmussen.com
Auf Instagramm ist sie auch zu finden: https://www.instagram.com/shereerasmussen/