Portraits & Interviews

Interview mit der Textilkünstlerin Aran Illingworth

Die Arbeiten von Aran Illingworth lösen Gefühle aus, genau das, was laut der Definition des Cambridge Dictionary typisch für Kunst ist. Die Kunst von Aran Illingworth ist die Textilkunst.

Here you can download the English version of this interview.

Wo sind Sie aufgewachsen und wo leben Sie heute?

Ich wurde in Malaysia geboren und kam nach England, um eine Ausbildung zur Krankenschwester zu absolvieren und ein wenig zu reisen. Ich blieb dort, um mich weiterzubilden, zu arbeiten und zu studieren, und später habe ich England zu meiner Heimat gemacht.

Wie kam es zu Ihrem ersten Interesse an der Textilkunst?

Mein Interesse an Kunst und Textilien reicht bis in meine Kindheit in Malaysia zurück. Einen entscheidenden Einfluss hatte meine Mutter, die sehr geschickt im Umgang mit Textilien war und sich zudem in Malerei und Zeichnen versuchte.

Haben Sie eine künstlerische Ausbildung absolviert?

Ursprünglich arbeitete ich nicht als Künstlerin, sondern als ausgebildete Krankenschwester, hauptsächlich in der Psychiatrie. Nach einer beruflichen Auszeit habe ich ein Diplom in Kunst und Design erworben und habe einen City-and-Guilds-Kurs im Aktzeichnen gemacht. Außerdem habe ich einen Studienabschluss in Angewandter Kunst an der University of Hertfordshire.

Welche Textiltechniken und welche Materialien bevorzugen Sie?

Zu meinen bevorzugten Textiltechniken gehört das Handnähen, da es taktile Tiefe und strukturelle Kontrolle ermöglicht. Meine bevorzugten Textilarten sind Baumwoll- und Leinenstoffe.

Meine Arbeiten entstehen methodisch, Schritt für Schritt, wobei ich fotografische Bilder als Rahmen und Grundlage für das Kunstwerk selbst nutze. Beim Übernähen der darunterliegenden Applikationsstoffe folge ich einer ungeschriebenen Methode, die ich über mehrere Jahre hinweg entwickelt habe, um den gewünschten Effekt zu erzielen.

Was reizt Sie an Textilien als Medium des Geschichtenerzählens?

Textilien sind ein wirkungsvolles Medium des Geschichtenerzählens, da Stoff von der Geburt bis zum Tod eng mit dem menschlichen Leben verbunden ist. Seit Jahrtausenden stellen Menschen Textilien her, formen, bearbeiten und passen sie an, um Kleidung, Zelte und eine Vielzahl anderer Gegenstände herzustellen. Sie nehmen in vielen Lebensbereichen eine zentrale Bedeutung ein, beispielsweise als rituelle Gewänder oder Abdeckungen wie Altartücher im religiösen Kontext. Sie dienen dazu, Symbolik in entscheidenden Momenten des menschlichen Lebens zum Ausdruck zu bringen; so markieren Windeln, Brautkleider und Leichentücher Übergänge auf dem Lebensweg vom Anfang bis zum Ende. Sie bringen abwechselnd die einzigartige Individualität eines Menschen und die kollektive Identität mit gleicher Kraft und Wirksamkeit zum Ausdruck. Formelle und informelle Kleidung sind nur dank der unendlichen Flexibilität, Ausdruckskraft und Anpassungsfähigkeit von Textilien möglich – sowie dank ihrer Fähigkeit, sich an eine scheinbar unendliche Vielfalt von Zwecken und Kontexten anzupassen. Gibt es ein besseres Medium, um die Geschichte eines Menschen zu vermitteln, als Portraitieren durch Textilien?

Was mich an Textilien fasziniert, sind die Möglichkeiten, die sie im Bereich des künstlerischen Ausdrucks eröffnen. Textilien bieten ein bezauberndes Medium, das Farben und Texturen vereint. Die Textilkunst ermöglicht es Künstlern, fesselnde Werke zu schaffen, die durch Stoff und Faden Bände sprechen. Die Textilkunst bietet eine umfangreiche Farbpalette, die Künstler nutzen können, um fesselnde Geschichten zu erzählen. Von zarten Handstickereien bis hin zu kühnen Maschinenstichen können Künstler faszinierende Bilder schaffen und tiefgründige Botschaften vermitteln.

Inwiefern hat die Unterbewertung der Textilkunst Ihre Arbeit beeinflusst?

Die historische Unterbewertung der Textilkunst als bloßes „Handwerk“ veranlasst Künstler dazu, durch ambitionierte Dimensionen, konzeptionelle Tiefe und provokative Materialität einen Raum für sich zu beanspruchen, der normalerweise der bildenden Kunst vorbehalten ist. Die heute aktiven Textilkünstler verschaffen diesem Medium die längst überfällige Anerkennung. Glücklicherweise ändert sich die Einstellung endlich, und das Potenzial der Textilkunst, Kreativität und handwerkliches Können zu demonstrieren, kommt nun voll zur Geltung. Die Textilkunst findet endlich Anerkennung als eigenständige Kunstform.

Als ich vor etwa 16 Jahren mit der Textilkunst begann, herrschten in Künstlerkreisen eindeutig Vorurteile gegenüber dieser Kunstform. Ich empfand es als entmutigend, dass die Textilkunst als das Stiefkind der bildenden Kunst angesehen wurde. Auch wenn ich glaube, dass sich die Dinge ändern, ist es noch ein langer Weg.

Wie stehen Sie zu der Unterscheidung zwischen bildender Kunst und Kunsthandwerk?

Eine vom Cambridge Dictionary vorgeschlagene Definition von Kunst lautet: „das Schaffen von Objekten, Bildern, Musik usw., die schön sind oder Gefühle zum Ausdruck bringen.“ Dasselbe Lexikon charakterisiert Kunsthandwerk hingegen als „etwas, das unter Einsatz von Geschick und Erfahrung hergestellt wird“. Nach diesen Definitionen konzentriert sich Kunst auf Schönheit und ihre Gefühle auslösende Eigenschaften, während Kunsthandwerksobjekte zwar handwerkliches Können erfordern, aber nicht unbedingt attraktiv sein müssen bzw. Gefühle auslösen sollen. Es ist bemerkenswert, dass die Definition von Kunst – im Gegensatz zu der für Kunsthandwerk – keinen Bezug auf das für ihre Herstellung erforderliche oder fehlende handwerkliche Können nimmt.

Betrachtet man die Textilkunst, wird sofort deutlich, dass beide Definitionen relevant sind. Textilkunst kann visuell fesselnd, ansprechend oder zum Nachdenken anregend sein; ohne diese Eigenschaften kann sie kaum als Kunst gelten. Ohne das mit Handwerksobjekten verbundene handwerkliche Können lässt sie sich kaum überhaupt herstellen. Daher würde ich argumentieren, dass Textilkunst gleichzeitig sowohl Kunst als auch Handwerk ist. Als solche nimmt sie einen zentralen und faszinierenden Platz in der Welt von Kunst und Handwerk ein – in dem, was man als Kunst-Handwerk-Spektrum bezeichnen könnte. Ein Beispiel auf diesem Spektrum wäre das Malen nach Zahlen. Hier ist zwar ein gewisses Maß an handwerklichem Können erforderlich, doch es lässt dem Einzelnen keinerlei Raum für expressive Kreativität. Dies verdeutlicht, dass ein klassisches Medium der bildenden Kunst – die Farbe – für sich genommen ein Werk noch nicht zur Kunst statt zum Handwerk macht.

Eine zweistufige Hierarchie von Kunst und Kunsthandwerk sowie die daraus resultierende Einordnung der Textilkunst als Kunsthandwerk hängt möglicherweise damit zusammen, dass Kunsthandwerk geschlechtspezifisch eingeordnet wird. Obwohl bestimmte handwerkliche Tätigkeiten historisch gesehen mit Männern in Verbindung gebracht wurden, galt die Textilarbeit über viele Jahrhunderte hinweg als typische Frauenarbeit. Im Laufe der Zeit verschwimmt diese Unterscheidung zunehmend, da sich immer mehr Männer mit Textilien und Handarbeiten beschäftigen, insbesondere als künstlerisches Medium.

Auch wenn es lange gedauert hat, ist die Anerkennung der Textilarbeit als Kunst eine recht junge Entwicklung, ja sogar eine aktuelle. Dennoch hat dieser Wandel tiefe historische Wurzeln, die bis zur Verwendung von Wandteppichen als Wandverkleidungen zurückreichen und sich im 18. Jahrhundert mit gestickten Porträts sowie in der Folgezeit durch die Arts-and-Crafts-Bewegung weiterentwickelten.

Auf persönlicher Ebene ist meine Arbeit gleichermaßen in der bildenden Kunst wie im Kunsthandwerk verwurzelt. Tatsächlich erfordert die Anfertigung eines Textilporträts Planung, handwerkliches Geschick und viel Geduld. Man könnte sagen, dass dies der handwerkliche Aspekt ist. Umgekehrt wird der Prozess, ein Porträt eines Gesichts aufzubauen und dabei den Ausdruck in den Augen des Motivs sowie andere Feinheiten einzufangen, häufig als „Malen mit Faden“ beschrieben – ein Ausdruck, der sich direkt auf die bildende Kunst bezieht. Meine Antwort auf die Unterscheidung zwischen bildender Kunst und Kunsthandwerk besteht daher darin, beides mit offenen Armen anzunehmen, in der Gewissheit, dass meine Arbeit beides gleichermaßen umfasst.

Warum entscheiden Sie sich für subtilen Humor statt für direkte politische Aussagen?

Politische Aussagen spalten bekanntermaßen die Gemüter und bewirken sehr oft, dass sie lediglich die bereits Überzeugten ansprechen, während sie alle außerhalb ihrer politischen Echokammer abschrecken. Humor hingegen ist ein Mittel, um mit dem Publikum in Kontakt zu treten, es einzubeziehen und in die Diskussion einzubinden. Die Botschaft, die ich durch meine Kunst vermitteln möchte, hat häufig eine scharfe Kante und konfrontiert den Betrachter mit schmerzhaften Wahrheiten, denen er vielleicht lieber ausweichen würde. Angesichts einer solch anspruchsvollen Aufgabe nutze ich Humor, um in meinem Ansatz inklusiv zu sein.

Welche Geschichten möchten Sie über Frauen erzählen, die in Armut leben?

Durch meine Arbeit mit Textilien setze ich die Tradition von Käthe Kollwitz fort, all jenen eine Stimme zu geben, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Mein Hauptziel auf meinem künstlerischen Weg war es stets, die Geschichten von Menschen zu erzählen, deren Stimmen andernfalls ungehört blieben: von Armut betroffenen Frauen, von Flüchtlingen, die durch Not und Krieg vertrieben wurden, und von Obdachlosen, die auf der Straße ums Überleben kämpfen. Durch diese Geschichten setze ich mich mit den Problemen auseinander, die diese Menschen betreffen, und setze mich durch meine Kunst für sie ein. Als Künstlerin besteht ein wesentlicher Teil meiner Aufgabe darin, soziale Themen durch die Darstellung in meinen Werken einer breiteren Öffentlichkeit bewusst zu machen.

Ein Werk, das meinen Ansatz besonders gut veranschaulicht, ist „Madonna und Kinder“. Es zeigt eine junge Frau, die mit ihren Kindern auf den Straßen von Delhi bettelt. Sie blickt voller Mitgefühl auf ihre Kinder. Der Kummer in ihren Augen lässt uns einen Einblick in ihr stilles Leiden gewinnen. Und das Kind streckt die Hand aus – wonach? Nach Nahrung oder nach Liebe? Es handelt sich also um ein sehr emotionales Kunstwerk, das die Geschichte einer Frau erzählt, die Qualen, Schmerz und Not erträgt. Dies ist typisch für meinen Ansatz; der zentrale Gedanke, der sich durch mein figuratives Werk zieht, besteht darin, eine Erzählung zu vermitteln, und durch diese Erzählung hoffe ich, den Betrachter in die Geschichte der dargestellten Person hineinzuziehen, damit er sich mit den sozialen Problemen auseinandersetzt, mit denen diese Person konfrontiert ist.

Wie schaffen Sie Empathie für die Frauen, die Sie in Ihren Werken darstellen?

Um Empathie für die Frauen in meinen Werken zu wecken, muss ich dem Betrachter ihre Situation, ihre Gedanken und ihre Gefühle wirkungsvoll vermitteln. Ich muss Wege finden, ihre Situation mithilfe von Textilien und Fäden zu vermitteln. Ob es nun der Ausdruck in ihren Augen, ihre Körperhaltung, ihre Gestik oder der im Werk dargestellte Kontext und die Umgebung ist – diese Details müssen den Betrachter in die Geschichte der dargestellten Person einführen und ihn die Emotionen ihrer Notlage nachempfinden lassen. Das mag einfach klingen, doch diese Effekte sind schwer zu erreichen und erfordern jahrelange Übung.

Die Wirkung, die das Erzählen von Geschichten auf einen Betrachter hat, ist unvorhersehbar, und ich bin manchmal überrascht von den Reaktionen der Betrachter, wenn sie ein Werk zum ersten Mal sehen. Bei einer kürzlich stattgefundenen Ausstellung waren einige der Betrachter vor Rührung sprachlos, andere hatten Tränen in den Augen. Genau so soll das Mitgefühl mit den Frauen in meinen Werken wirken.

Auf der Website von Aran Illingwoth finden Sie weitere Bilder: https://www.aran-i.com/