Reportagen

Besuch in der Ausstellung „Raise the Roof“ mit Arbeiten von Nevin Aladağ

Näher kann ich mit der Nase nicht an den Wandbehang herangehen. Der Aufsicht versichere ich, ich hielte die Hände auf dem Rücken und würde nichts berühren. Ich will aber doch wissen, wie das gemacht ist, wie hochflorige Teppiche und flache Sisal-Teppiche so perfekt in runde Formen gebracht wurden.

Noch bis zum 1. Februar 2026 zeigt das Institut Mathildenhöhe Darmstadt die Einzelausstellung Raise the Roof der international renommierten Installations- und Performancekünstlerin Nevin Aladağ. 

Die Künstlerin wurde in der Türkei geboren und ist in Stuttgart aufgewachsen. Heute lebt und arbeitet sie in Berlin.

In vier Ausstellungsräumen auf der Mathildenhöhe werden Musikinstrumente und Alltagsgegenstände, die ursprünglich für andere Zwecke entwickelt wurden, auf raffinierte Weise neu inszeniert. Einrichtungsgegenstände aus der Zeit um 1900 verwandelt sie in Musikinstrumente und nimmt damit Bezug auf die Künstlerkolonie Darmstadt.

Was mich aber am meisten interessiert und fasziniert sind ihre textilen Arbeiten. Ich sehe Collagen aus hochflorigen Knüpfteppichen, von Flachgeweben wie Kelim-Teppichen, von Tretford-Teppichen, von Knüpfteppichen mit Blumenmuster und von Sisalteppichen, alles gerahmt von schwarzen oder gelben Streifen.

 Drei Wandbehänge und ein Parvent kommen in einem großen Raum ausgezeichnet zur Geltung. Größerer Abstand erlaubt eine Distanz, die das Ensemble als Ganzes erscheinen lässt, näheres Herantreten erlaubt den Blick auf feine Texturen. Die Arbeiten haben Titel, die sich an Tänzen inspirieren: Flip, Jump und Turn. Die rhythmische Dynamik, das Springen, Wenden und Drehen kann man förmlich sehen.

Daniel S. Palmer, Chefkurator des Kunstmuseums SCAD in Savanah, USA,  schrieb zu Nevin Aladağ Ausstellung Refraction in 2023/2024:
Nevin Aladağs bedeutender neuer ortsspezifischer Auftrag für das SCAD Museum of Art umfasst ihre bislang größten Werke, die ihre Serien „Social Fabric“ und „Pattern Kinship“ erweitern. Die „Social Fabric“-Arbeiten der Künstlerin verbinden unterschiedliche Teppichstücke aus aller Welt zu komplexen Collagen aus verschmolzenen hybriden Formen. Ihre „Pattern Kinship“-Arbeiten bestehen aus sich überlappenden, lasergeschnittenen Plexiglasschichten, die eine Vielzahl von architektonischen Motiven und Ornamentstilen nebeneinanderstellen, darunter verschiedene Muster, die auf die historischen Gebäude von Savannah Bezug nehmen. In beiden Serien spiegelt die lebhafte Verwendung von Linien, Farben und vielfältigen Quellen durch die Künstlerin eine spielerische Auseinandersetzung mit Hybridität und Zugehörigkeit als Ausdruck ihrer Erfahrungen als Einwanderin wider. Aladağs integrativer, optimistischer Ansatz beim Kunstschaffen zeigt, wie Objekte aus verschiedenen Kulturen und geografischen Ursprüngen vereint werden können, um ein kollektives Gefühl von Lebendigkeit, Schönheit und Bedeutung für uns alle zu schaffen.
(Übersetzung von https://nevinaladag.com/exhibitions/refraction)

Auf der Website der Künstlerin sind zahlreiche weitere Teppichcollagen aus der Serie Social Fabric zu finden mit Titeln wie swinging, bouncing, dive, die von 2022 und 2021 stammen. Von 2019 sind die Arbeiten Wind, Noise, Resonator, Strings, Vibration, Percussion, Spring Fields, Spring Signs, and Spring Seeds. 
https://nevinaladag.com/works/social-fabric

Die Ausstellung ist noch bis zum 1. Februar 2026 zu sehen im
Ausstellungsgebäude Mathildenhöhe, Sabaisplatz 1, 64287 Darmstadt
https://www.mathildenhoehe.de/ausstellungen 

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11 – 18 Uhr
Zahlreiche Sonderführungen