Reportagen

Bericht über die Ausstellung Wolle, Seide, Widerstand im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt

Noch bis zum 14. Juni 2026 zeigt das Museum angewandte Kunst in Frankfurt geknüpfte, getuftete und gewebte Teppiche von Faig Ahmed, Diedrick Brackens, Johannah Herr, Jan Kath, Baseera Khan, Alexandra Kehayoglou, William Kentridge, Noelle Mason, Otobong Nkanga, Tobias Rehberger, Erin M. Riley, Tsherin Sherpa, Rose Stach, Nasan Tur und Jeroen van den Bogaert.

Im Text der Einladung zur Pressekonferenz lese ich: „Mit einem Teppich können sich vielschichtige Formen des Widerstands verbinden. Die Ausstellung präsentiert Teppiche internationaler, zeitgenössischer Künstler:innen, die sich mit Themen des politischen Widerstands, individueller und kollektiver Resilienz sowie Resistenz befassen.“ – „Im Zuge der hier gezeigten künstlerisch-emanzipatorischen Gestaltung von Teppichen nehmen Themen aus den Bereichen politischer Widerstand, Widerstandskraft (Resilienz), wie auch Widerstandsfähigkeit (Resistenz), individuelle Formen an. So richtet sich der Widerstand etwa gegen Traditionalismus, als illegitim empfundene Herrschaftsordnungen und Machtausübungen, Diskriminierung, Rassismus, Traumata oder Umweltzerstörung.“

Mich interessiert neben dem Thema Widerstand aber auch der visuelle Eindruck, die Form der Gestaltung und die Wahl des Materials. Dieser aus Wolle handgeknüpfte Teppich von Faig Ahmed aus Aserbaidschan mit dem Titel „Doubts“ wirkt zunächst ganz traditionell, zerfließt aber ab der Hälfte des Werks. Wie Pigmente auf der Palette eines Malers fließen die Farben in der Raum und vermischen sich.

Hier zeige ich Ihnen das Werk von Tobias Rehberger: „Dolores Huerta in Chinese Teapot“, aus Wolle. Es wurde von Khyber Weavers International, Lahore, Pakistan handgeknüpft. Zunächst erkenne ich einen bunten Teekessel. Dahinter aber ist eine Figur mit Hut und Megaphon zu erahnen. Durch gezieltes Kürzen des langen Wollflors entsteht eine dreidimensionale Wirkung und läßt sich das dahinterliegende Motiv erkennen. Dolores Huerta war eine einflussreiche amerikanische Gewerkschafterin und Bürgerrechtsaktivistin.

Dieses Werk von Alexandra Kehayoglou mit dem Titel „Paraná de la Palmas River“ hat mir am besten von allen gefallen. Es zeigt einen Abschnitt des Paraná-Flussdeltas im Nordwesten der Provinz Buenos Aires, Argentinien, der  Teil eines wichtigen Ökosystems aus weitläufigen Feuchtgebieten ist. In der Region ist es durch menschliche Eingriffe in den letzten Jahrzehnten zu erheblichen Umweltschäden gekommen. Der Teppich ist so lang, dass ein Teil vom Fußboden die Wand hinauf führt. Man darf ihn sogar auf Strümpfen betreten. Mich fasziniert die detailreich dargestellte Landschaft.

Auch dieses handgewebte Werk von Diedrick Brackens mit dem Titel „Horse Hoop“ habe ich ganz genau betrachtet. Zwei menschliche Figuren bilden ein Tor, durch das ein Pferd hindurch galoppiert. Auf der Rückseite sind interessanterweise die Figuren nicht zu sehen. Als Material hat er neben Akryl Baumwolle verwendet. Er will damit auf die Geschichte der Baumwollplantagen in Zeiten der Sklaverei hinweisen.

Von Faig Ahmed ist dieser Teppich mit dem Titel „Virgin“, bei dem es aussieht, als würde die Wolle wie ein Wasserfall aus dem Teppich strömen. Die Ornamente im oberen Teil des Teppichs stehen in der Tradition anatolischer Teppiche des 15. Jahrhunderts, danach lösen sich die Muster in lange rote Fäden auf. Der Künstler will damit  auf den Wandel in der traditionellen aserbaidschanischen Gesellschaft hinweisen. Lange Zeit stellten junge Frauen, eben „Virgins“, Teppich als Mitgift her.

Die Muster in diesem Polypropylen-Teppich von Nasan Tur mit dem Titel „Greetings from Syria, Kurdistan and Persia“ wurden eingebrannt. Wenn man ganz nah heran geht, kann man gut erkennen, dass das Flor des Teppichs weggebrannt wurde und Narben zurück geblieben sind. Diese Narben sollen auf auf die historischen Entwicklungen in den genannten Regionen hinweisen.

Die drei Wandbehänge von Jeroen van den Bogaert erinnern auf den ersten Blick an Tapisserien in hochherrschaftlichen Schlössern.  Stunden könnte man dieses dreiteilige Werk betrachten und immer wieder Neues finden. Der aus Baumwolle gewebte Teppich trägt den Titel „A Foolish Pleasure“. Während links in zahlreichen sich auch überlagernden Figuren Heldentum dargestellt wird, widmet sich die Mitte der Tragödie und der rechte Teil der Aggression. Ich lese, dass der Künstler auf ironische Weise traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit dekonstruieren will.

Noch ein sehr langes Werk: oben ein Drache mit aufgerissenem Maul, nach unten hin windet sich spralförmig sein Schwanz. Dieses Werk von Tsherin Sherpa mit dem Titel „Stairways to Heaven wurde aus Wolle und Seide in Nepal handgeknüpft. Der Drache soll die bewegte Geschichte der Teppichherstellung im Himalaya symobilisieren.

Auf diesem Bild sind zwei Teppiche des deutschen Künstlers Jan Kath zu sehen: rechts „Group of People Walking“ und links „Stopover“. Beide Werke sind aus tibetischer Hochlandwolle und chinesischer Seide auf Baumwolle und wurden in Agra, Indien, handgeknüpft. Beide Teppiche sind Einzelstücke aus der Serie „Rug Bombs“. Die Motive sollen anregen, über die Ursachen internationaler Konflikte nachzudenken, die zu Fluchtbewegungen geführt haben.

Die Ausstellung ist noch zu sehen bis zum 14. Juni 2026 im
Museum Angewandte Kunst
Schaumainkai 17
60594 Frankfurt
www.museumangewandtekunst.de

Öffnungszeiten:
Mo geschlossen
Di, Do–So 10–18 Uhr
Mi 10–20 Uhr