Portraits & Interviews

Interview mit der Textilkünstlerin Renata Daina

Auf der Website der Künstlerin lese ich: „Renata Daina lebt und arbeitet derzeit in Los Angeles, wo ihre facettenreiche künstlerische Praxis sowohl aus dem Irdischen als auch aus dem Überirdischen schöpft. Sie schafft taktile Abstraktionen unter Verwendung arbeitsintensiver Techniken wie Handweben, Wickeln, Knoten, Nähen und Färben.“

Here you can download the English version of this interview.

Wie sind Sie Künstlerin geworden?

Ich beschäftige mich schon seit meiner frühesten Kindheit mit Kunst. Seit ich etwa fünf Jahre alt war, habe ich Bilder gemalt, Kostüme genäht und Gedichte geschrieben. Das künstlerische Schaffen war für mich eine Möglichkeit, die Welt um mich herum zu interpretieren und mir gleichzeitig eine andere vorzustellen. Als ich ein Kind war, waren meine beiden Eltern Theaterkünstler – sie spielten, inszenierten und schrieben. Das hat mich zweifellos dazu motiviert, einen kreativen Weg einzuschlagen. Wir besuchten stets Kunstmuseen, sowohl dort, wo wir lebten, als auch auf unseren Reisen. Gleichzeitig lernte ich traditionelles litauisches Handwerk von meiner Großmutter, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Vertriebene nach Australien ausgewandert war. Es lag daher nahe, Textildesign und Kunst zu studieren und weiterhin als Künstlerin tätig zu sein.

Inwiefern hat Ihre Großmutter Ihr künstlerisches Schaffen beeinflusst?

Meine Großmutter Martina Reisgys OAM* hatte einen sehr großen Einfluss auf mein Schaffen. Schon von klein auf brachte sie mir traditionelle litauische Handwerkstechniken bei, die ihr von ihrer Mutter und deren Mutter usw. weitergegeben worden waren. Ich lernte das Weben auf einem Bodenwebstuhl und einem Handwebstuhl, das Sticken, das Nähen von Hand und mit der Maschine, das Anfertigen von Kleidung, das Häkeln, die Herstellung von „Šiaudinukai“ (Strohornamente) und vieles mehr. Erst nachdem ich an der Universität Bildende Kunst sowie Mode und Textilgestaltung studiert hatte, begann ich, diese traditionellen Handwerkskünste in meinen künstlerischen Schaffensprozess einzubeziehen. Ich begann, mit diesen verschiedenen traditionellen Techniken in meinen Gemälden und Skulpturen zu experimentieren. Zum Beispiel webte ich Streifen aus Leinwand und bemalte das Gewebe anschließend oder verarbeitete Stoffreste zu Wandteppichen. Auch heute noch verwende ich viele ihrer überlieferten Webmuster in meinen Arbeiten. Viele dieser Stücke haben wir gemeinsam auf einem ihrer Webstühle gewebt. Außerdem besitze ich unzählige Spulen mit ihrem Garn und verschiedene Werkzeuge, die ich ständig verwende. Auch meine Großmutter experimentierte in ihrer Arbeit, indem sie neue synthetische Garne ausprobierte oder neue Wege fand, Webarbeiten zu präsentieren. Ich glaube, ihre Neugierde in Bezug auf Materialien hat auch meine Arbeit beeinflusst.

*Sie wurde 2009 in der australischen Ehrenliste zum Geburtstag der Königin für ihre Verdienste um die litauische Gemeinschaft in Sydney mit der Order of Australia Medal ausgezeichnet.

Was bedeutet es für Sie, Weberin in der fünften Generation zu sein?

Das bedeutet mir sehr viel und gibt mir das Gefühl, mit meiner Familie, meinem Erbe und meiner Identität verbunden zu sein. Ich habe meine Urgroßmutter und meine Ururgroßmutter zwar nicht persönlich kennengelernt, doch durch das Weben fühle ich mich mit ihnen verbunden. Ich besitze Webarbeiten und Muster von ihnen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die von ihnen gewebten Textilien halten ihre Erinnerungen lebendig. Der Großteil meiner Webarbeiten ist meine eigene Interpretation traditioneller Techniken, dennoch führe ich unsere Familientradition fort und bewahre ihr Wissen.

Warum verwenden Sie traditionelle Techniken wie Weben, Knoten und Nähen?

Diese Methoden bilden eine hervorragende Grundlage, auf der man aufbauen kann. Ausgehend von diesen Techniken verwandeln sie Fäden in Stoff. Sobald man ein grundlegendes Raster oder eine Struktur hat, kann man davon abweichen, doch die Grundlagen sind vorhanden. Die sich wiederholenden Handgriffe dieser Techniken wirken zudem sehr meditativ. Es macht mir große Freude, auf diese Weise Dinge herzustellen und dabei in einen Flow-Zustand zu gelangen.

Warum verwenden Sie sowohl neue als auch wiederverwertete Stoffe?

Ich mag die Geschichte, die hinter wiederverwerteten Stoffen steckt. Auch wenn ich nicht weiß, woher sie stammen oder wofür sie zuvor verwendet wurden. Ich finde es poetisch, mir ihr Leben vorzustellen, bevor sie in ein Kunstwerk einfließen. Ich verwende neue Stoffe, wenn ein Projekt eine bestimmte Farbe oder Textur erfordert, die ich anderswo nicht finden kann.

Wie wählen Sie die Farben und Materialien für ein Kunstwerk aus?

Ich arbeite mit Farben, die mich ansprechen und mit denen ich mich für ein bestimmtes Werk verbunden fühle. Besonders anziehend finde ich tiefe und satte Juwelenfarben. Manchmal, wenn mir ein Gewebe oder ein Stoff bereits gefällt, wähle ich andere Garnfarben aus, die gut zu dieser ursprünglichen Farbpalette passen.

Was können Textilien ausdrücken, was andere Materialien nicht können?

Das ist eine gute Frage. Textilien sind ein so wesentlicher Bestandteil unseres Menschseins – wir alle verstehen Textilien. Unser Körper ist von der Geburt bis zum Tod größtenteils damit bedeckt. Mich interessiert insbesondere die Dualität dieses Materials. Textilien sind unglaublich stark und zweckmäßig, während sie gleichzeitig unglaublich weich und sanft sind. Ich versuche, mit dieser Dualität zu spielen, indem ich beispielsweise Fäden aufwickle, so dass sie fest wirken. Textilien lassen sich auf so vielfältige Weise einsetzen, dass ich sie weitaus ausdrucksstärker finde als andere Materialien.

Welcher Teil Ihres kreativen Prozesses macht Ihnen am meisten Spaß?

Das Spielen! Ich genieße es sehr, mit Materialien zu spielen und zu entdecken, wohin sie mich führen.

Warum ist die Natur ein so wichtiges Thema in Ihrem Schaffen?

Ich bin fasziniert von den Mustern und Systemen in der Natur. Baumwurzelsysteme, die unter einem Wald miteinander kommunizieren, oder Flechtenwachstum, das Nerven und Gewebe im menschlichen Körper nachahmt, sind einige Beispiele dafür. Mich interessieren die Verbindungen und Zusammenhänge zwischen Lebewesen. Außerdem finde ich in der Natur Ruhe und Trost, während die Technologie unser Leben auf immer beängstigendere Weise beherrscht.

Wie beeinflusst Spiritualität Ihre Kunst?

Ich interessiere mich sehr für Folklore und Mythologie. Schon als Kind kam ich mit litauischer und baltischer Mythologie sowie mit verschiedenen Opern und Theaterstücken in Berührung. Viele der Lehren und Themen der griechischen Mythologie sind offensichtlich auch heute noch relevant und interessant. Die Autorin Madeline Miller hat einen wunderbaren Roman mit dem Titel „Circe“ geschrieben, der eine kühne Neuinterpretation des Lebens der Göttin darstellt. In diesem Buch gibt es viele Elemente, die ich im Zusammenhang mit der Natur, dem Weben, unseren Körpern usw. faszinierend finde. Auch der Einfluss, den die Spiritualität auf Künstlerinnen und Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte, ist für meine Arbeit von Bedeutung. Das Buch „The Other Side“ von Jennifer Higgie befasst sich eingehend mit vielen Künstlerinnen aus dem frühen 20. Jahrhundert, über deren Werk und Spiritualität ich viel nachdenke.

Woran arbeiten Sie derzeit?

Ich habe kürzlich einen Künstleraufenthalt in Bundanon in der Nähe von Sydney, Australien, abgeschlossen. Ich setze eine Serie von Webarbeiten und Skulpturen fort, in denen ich mich mit der dortigen Naturlandschaft auseinandersetze. Ich arbeite an vielen neuen Werken.

The photographer of the portrait photo is Carolin Schild.

Die Website von Renata Daina finden Sie unter: https://renatadaina.com/