Die Skulptur „von oben Jeans“ von Gudrun Müller-Mollenhauer habe ich auf ihrer Website entdeckt und war fasziniert. Ich konnte die Künstlerin interviewen.
Wo sind Sie aufgewachsen und wo leben Sie heute?
In der Kunst- und Modestadt Düsseldorf habe ich meine Kindheit und Jugend verbracht. Das hat mich entscheidend geprägt. Ich habe mich früh für Mode interessiert und begonnen, meine Kleidung zu entwerfen. Heute lebe ich im Raum Gießen.
Würden Sie Ihre Ausbildung und Ihren Werdegang hin zur Kunst, speziell der Textilkunst beschreiben?
Seit meiner Jugend habe ich großes Interesse an Kunst, Kunstgeschichte und der Gestaltung mit Stoffen. Mein Interesse an abstrakter Kunst hat mich auch bei der Textilgestaltung beeinflusst.
Ich habe mich für ein Studium der Umweltwissenschaften entschieden und war beruflich in diesen Bereichen tätig.
Neben dem Beruf hat mich die Gestaltung mit Textilien durch Entwurf von Kleidung und Quilts allerdings immer begleitet. Schon früh hat mich die historische und die moderne Quiltkunst wie Bosnaquilt interessiert. Ich habe selber Quilts entworfen.
Daneben habe ich zahlreiche Kurse zur Textilkunst bei zeitgenössischen TextilkünstlerInnen besucht. Da mich bei meiner Textilkunst die Entwicklung aus der Zweidimensionalität in die Dreidimensionalität interessiert, habe ich das Studium der experimentellen Bildhauerei an der Freien Kunstakademie Frankfurt aufgenommen.
Was reizt Sie an Textilkunst als Kunstform?
Aus meiner frühen Begeisterung für die haptische Qualität von Textilien, für deren Gestaltungsmöglichkeiten und das Kennenlernen unterschiedlicher Textilkünste ist der Anspruch entstanden, meine eigenen künstlerischen Positionen zu finden. Schon früh stand hierbei im Vordergrund, mit Altmaterialien wie gebrauchter Kleidung zu arbeiten.
Die Plastiktüten kamen hinzu, weil deren Farbigkeit mich faszinierten. Grundsatz war bei der Wahl der zu verwendenden Materialien, dass sie mit der Maschine nähbar sein müssen.
Ein erstes Kunstwerk mit Plastiktüten war hier die „Hommage an die Plastiktüte“, wobei der Titel eine Anspielung auf das bevorstehende Verbot der Plastiktüten war. Hier habe ich die Schichtentechnik angewandt: Schichten werden übereinander genäht und immer wieder ausgeschnitten, so dass die darunterliegenden Schichten hervortreten und neue Bilder mit Tiefe entstehen.
Gehört nicht die Textilkunst zu den ältesten Kunstformen der Menschheit?
Welche textilen Techniken nutzen Sie?
Ich nähe mit der Maschine, ich quilte und webe auch (z.B. die Jeansarbeiten denim gray und blue).
Schichten von Textilien oder Plastiktüten werden vernäht, zerschnitten und überlagert – es entstehen neue Strukturen und Bildräume. Man wird auch an Collagen erinnert.
Das Recycling von Materialien ist Ihnen wichtig?
Mein frühes Interesse an Umweltthemen hat mich zu einem entsprechenden Studium geführt.
Mein Anliegen ist, im täglichen Umgang Ressourcen zu schonen, Vorhandenes wiederzuverwerten, umzuformen und aufzuwerten. Dabei entstehen Unikate aus Textilien und Alltagsgegenständen.
Mich reizen alte gebrauchte Textilien, die Geschichte und bereits eine andere Funktion hatten. Es ist ein Spiel gegen die Vergänglichkeit der Materialien, ein Spiel mit Gebrauchsspuren von Jeans, mit Texten, Aufschriften, Buchstaben und Bildern der Plastiktüten. Aus Abfall wird Kunst.
Mit der alten Kulturtechnik des Nähens, durch Übereinanderschichten, Nähen, Aufschneiden, Zerschneiden und neu Zusammensetzen entsteht Neues.
Das Ergebnis ist nicht vorhersehbar.
Es gilt der minimalistische Grundsatz, dass bei einem Kunstwerk immer nur ein Material verwendet wird. Es gibt keinen Materialmix. Die Materialien werden ohne eine Oberflächenbehandlung wie Bemalung oder Druck o.ä. verwendet.
Ihre Skulptur „von oben Jeans“ finde ich besonders reizvoll. Würden Sie uns erzählen, wie sie entstanden ist?
Mich interessieren Landschaftsformationen wie Fels- und Vulkanwände, an denen unterschiedliche Gesteinsschichten und Faltungen erkennbar sind. Auch der Blick aus der Vogelperspektive auf Gebirge ist faszinierend und anregend für mein Tun. Diese Vorstellungen und Bilder haben mich hier sicher unbewusst geleitet. Das Ergebnis ist im Spiel entstanden.
Wie kreieren Sie ein Stück? Können Sie Ihren Weg zum fertigen Kunstwerk beschreiben?
Ich arbeite sehr intuitiv, das Ergebnis ist nicht vorhersehbar. Es gleicht einem meditativen Prozess, der Altes in Neues verwandelt. Es ist ein Spiel mit Wiederholungen. Immer wieder faszinierend ist, wie durch das Hervorbringen tieferliegender Schichten nicht erwartete Bilder entstehen. Beispiele hierfür sind die Arbeiten „Hommage an die Plastiktüte“ und „Urban (durchleuchtet)“.
Durch Zufall entdeckte ich bei letzterer Arbeit, wie durchfallendes Licht ein Plastikobjekt völlig verändern kann (Urban durchleuchtet), weil darunter liegende Schichten hervorkommen. Überraschende Farbverläufe und Transparenz entstehen. Man wird an Kirchenfenster erinnert.
Mich interessieren auch monochrome Flächen. Das Arbeiten mit Jeansarbeiten ermöglicht mir, diesem Ziel näher zu kommen. Die Farbigkeit der Jeansstoffe, ihre Vorder- als auch Rückseite, die gebleichten Flächen und die Gebrauchs- und Verschleißspuren tragen zu einer Lebendigkeit der neu entstehenden Flächen bei.
Bilder von Natur wie Felswänden, alten Bäumen, Baumrinden, Pilzen, Wasserläufen sind Inspirationen für mich. Der Entwurf entsteht im Spiel mit dem Material.
Mit der Arbeit „80.000 Liter Wasser“ wollte ich auch einen Hinweis auf die Umweltschädlichkeit von Jeans geben. Für die hier verwendeten Jeans wurden 80.000 Liter Wasser verbraucht: von der Herstellung/Bewässerung der Baumwolle bis zur Produktion der Jeans.
Bei den Plastiktüten gefällt mir deren Farbigkeit. Aus der ständigen Verkleinerung durch Zerschneiden und neu zusammensetzen entstehen ganz neue Farbigkeiten. Es ist eine Auflösung von Farbe und Form. Bunte Flächen entstehen.
Die Website der Künstlerin ist www.gudrunmuellermollenhauer.com
Das Foto der Künstlerin ist von Christiane Tietz
Die meisten Fotos der Kunstwerke sind von Christof Herdt

