Portraits & Interviews

Interview mit der niederländischen Textilkünstlerin Sonja Cabalt

Im Mai fand in Amsterdam die Ausstellung Fiber Matters statt. Sonja Cabalt zeigte Arbeiten, die sie dort ausgestellt hat, im European Textile Network. Ihre Arbeit „Pods“ gefiel mir so gut, dass ich sie um ein Interview gebeten habe.

You can download the English version of this interview here.

Wo sind Sie aufgewachsen und wo leben Sie heute?

Ich bin im Norden der Niederlande aufgewachsen, in der Küstenstadt Den Helder. Das Meer und die Dünen haben meine Sensibilität für Natur, Textur und ruhige Räume geprägt. Jetzt lebe und arbeite ich in Amsterdam, wenn ich auch immer eine Sehnsucht nach dem Meer habe.

Was oder wer waren Ihre frühen Einflüsse und wie hat Ihre Erziehung Ihre Arbeit beeinflusst?

Meine frühen Einflüsse waren in meiner Umgebung verwurzelt – natürliche Landschaften, das Meer und die ruhigen Rituale des täglichen Lebens. Als Kind habe ich gerne gebastelt und viel Zeit mit Zeichnen verbracht. In der High School entwickelte ich ein großes Interesse an Kunst und begann, Bücher über Künstler aller Art zu sammeln. Ich fühlte mich schon immer zum Haptischen hingezogen und war besonders vom Kunstunterricht in der Schule fasziniert – vor allem von Textilien, aber auch von Ton und anderen plastischen Materialien. Dieser frühe Kontakt hat mir einen dauerhaften Respekt für handgefertigte Objekte und die emotionale Resonanz, die sie auslösen können, eingeflößt.

Haben Sie eine künstlerische oder textile Ausbildung?

Ja, ich habe drei Jahre lang Kunstgeschichte an der Universität Leiden studiert, ein Lehramtsstudium für Textildesign und angewandte Kunst in Delft absolviert und später Grafikdesign an der Gerrit Rietveld Academy of Art and Design in Amsterdam studiert. Viele Jahre lang arbeitete ich als Grafikdesignerin und schuf nebenbei kleine angewandte Arbeiten. Mit der Zeit wurde mir jedoch immer klarer, dass ich als eigenständiger Künstlerin arbeiten wollte. Schließlich mietete ich ein Atelier, in dem ich meiner langjährigen Leidenschaft für Textilien, unkonventionelle Materialien und traditionelle Handwerkstechniken wieder nachgehen konnte. Ein Großteil meiner heutigen Arbeit ist ebenfalls durch selbstbestimmtes Erforschen geprägt worden. Die Arbeit mit Textilien und skulpturalen Materialien hat sich für mich immer intuitiv angefühlt, und ich habe meine Fähigkeiten durch Workshops, Bücher und praktisches Experimentieren weiterentwickelt.

Mit welchen Materialien arbeiten Sie?

Ich arbeite vorwiegend mit natürlichen und wiederverwerteten Materialien – Textilien, Wolle, Seide, Leder, Metallfäden, Papier und gelegentlich Ton oder organisches Material. Das Material selbst gibt oft die Richtung der Arbeit vor. Ich interessiere mich besonders für die Texturen, die Taktilität und die Empfindlichkeit der Materialien – Eigenschaften, die Anzeichen von Alter, Abnutzung oder Zerbrechlichkeit zeigen und die mit den Themen Wachstum, Erinnerung und Transformation in meiner Arbeit in Einklang stehen.

Was sind Ihre Lieblingstechniken?

Ich fühle mich besonders zu traditionellen Handwerkstechniken hingezogen, die taktile, flexible Qualitäten hervorheben – wie Stricken, Häkeln, Knüpfen und Filzen – und die ich auf experimentelle Weise angehe. Diese langsamen Prozesse laden zu Intimität und Reflexion ein. Ich arbeite auch gerne bildhauerisch, indem ich Formen Schicht für Schicht aufbaue, fast so, als würde ich mit Faden oder Fasern in den Raum zeichnen.

Ich bin fasziniert von Ihrer Installation „Pods“. Können Sie uns mehr über dieses besondere Kunstwerk erzählen?

„Pods“ ist eine Serie von weichen Skulpturen, die von natürlichen Wachstums- und Reproduktionsprozessen inspiriert ist. Die Formen verweisen auf Schutz, Transformation und das unsichtbare Innere. Sie erinnern an Kokons oder Samengefäße – geschlossene Räume, in denen sich etwas entwickeln oder verstecken könnte. Pods #56893, bestehend aus drei weißen, weichen Skulpturen aus handwerklich gefilzter Wolle, war das erste Werk der Serie. Es markierte den Beginn einer intensiveren Erforschung und wurde zum Ausgangspunkt für die Schaffung größerer und monumentalerer Installationen. Die Installationen erforschen Themen wie Wachstum, Verletzlichkeit und das menschliche Bedürfnis nach Schutz – sowohl physisch als auch emotional. Gleichzeitig spiegeln sie über die unaufhaltsame Kraft der Natur: ihr wildes, unkontrolliertes Wachstum und ihre unerbittliche Fähigkeit zu überleben und sich zu regenerieren. Die Kernthemen, die in den Pods zum Ausdruck kommen, sind zusammen mit ihrer visuellen Sprache zu einem roten Faden geworden, der sich durch mein gesamtes Werk zieht.

Ihre neueste Installation trägt den Titel „Flood“. Können Sie beschreiben, was Sie dazu motiviert hat?

„Flood“ entstand als Reaktion auf die emotionalen und ökologischen Ängste unserer Zeit. Ich dachte über steigendes Wasser nach, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne, wie wir Überwältigung, Trauer und Veränderung verarbeiten. Die Installation besteht aus schwebenden Formen und Materialien, die Bewegung, Drift und Untertauchen suggerieren. Sie wurde zu einer Meditation über Verlust und Widerstandsfähigkeit sowie zu einer Reflexion darüber, wie wir emotionale Belastungen in unserem Körper verarbeiten.

Wie arbeiten Sie? Können Sie die Entwicklung eines Werks von der Idee bis zum fertigen Kunstwerk beschreiben?

Mein Prozess ist taktil und intuitiv. Oft beginnt ein Werk mit einer Empfindung oder einer Frage – etwas Ungelöstem. Ich sammle Materialien und fertige lose Skizzen an, um die Arbeit zu steuern, bleibe aber offen für Veränderungen. Ich verwende verschiedene Techniken – vom Nähen und Schichten bis hin zur Bildhauerei und Bearbeitung von Materialien – und lasse das Werk allmählich entstehen. Experimentieren und zufällige Entdeckungen führen mich oft in neue, unerwartete Richtungen.

Wie würden Sie Ihre Kunst beschreiben?

Ich würde meine Arbeit als prozessorientiert und emotional ansprechend beschreiben. Ich erforsche die Schönheit und Verletzlichkeit der Natur mit einer Faszination für das, was oft unsichtbar bleibt – wie Mikroorganismen, Unterwasserlandschaften und unbekannte Lebensformen. Ich gebe diesen verborgenen Welten durch organische Skulpturen und Installationen Gestalt, die zu atmen, zu wachsen oder sich langsam zu entfalten scheinen.


Weitere Werke von Sonja Cabalt finden sie auf ihrer Website.