Portraits & Interviews

Interview mit der moldawischen Künstlerin Olga Prinku

Olga Prinku verwandelt die Natur in Kunst. Ihre zarten Stickereien aus getrockneten Blumen auf Tüll zelebrieren die Schönheit von Zweigen, Samenständen und Blüten. Ich konnte die Künstlerin interviewen.

Here you can download the English version of this interview.

Wo sind Sie aufgewachsen und wo leben Sie heute?

Ich bin in der Republik Moldau aufgewachsen, lebe aber nun schon seit über zwei Jahrzehnten in Großbritannien. Ich wohne in North Yorkshire, einer wunderschönen Gegend mit vielen Mooren, Tälern und ländlicher Idylle, in der ich gerne spazieren gehe, nach essbaren Pflanzen suche und mich von der Natur inspirieren lasse.

Haben Sie eine künstlerische Ausbildung?

Ich habe am Cumbria Institute of the Arts, der heutigen University of Cumbria, ein Grundstudium in Grafikdesign absolviert. Auch wenn dies nicht direkt zu meiner künstlerischen Praxis geführt hat – da ich mir die Techniken, die ich heute verwende, durch Ausprobieren selbst beigebracht habe –, war es eine sehr nützliche Grundlage für die Grundprinzipien des visuellen Designs, wie zum Beispiel die Farbtheorie und die Nutzung von Negativraum.

Warum verwenden Sie Pflanzen und Textilien, um Wachstum, Fürsorge und Erneuerung darzustellen?

Ich finde, das Schaffen mit der Natur hat etwas ganz Besonderes, denn in der Natur steckt bereits so viel Schönheit, dass ich meine Arbeit als eine Art Strukturierung und Hervorhebung dieser Schönheit betrachte.

Ich versuche, dies auf eine Weise zu tun, die zum Nachdenken über die von Ihnen angesprochenen Themen anregt – darüber, wie die Natur zugleich widerstandsfähig und doch zerbrechlich ist, über unsere menschliche Verantwortung gegenüber der Natur und über die Vorstellung, dass alle Arten von Pflanzen in allen Phasen ihres Lebenszyklus Schönheit und Faszination besitzen. Es bereitet mir besondere Freude, mit Pflanzen zu arbeiten, die oft übersehen werden, wie Zweige, Samenstände oder solche, die als Unkraut gelten.

Wie verwenden Sie echte Pflanzen als Faden in Stickereien und Textilien?

Es beginnt mit der Beschaffung der Materialien, die ich manchmal bereits getrocknet kaufe, oft aber selbst züchte oder sammle und dann auf verschiedene Weise behandle, um ihre Lebensdauer zu verlängern, bevor ich sie für meine Arbeiten verwende.

Anschließend verwende ich verschiedene Techniken, um das organische Material an Netzstoff zu befestigen, beispielsweise indem ich die zerbrechlichen Stiele durch die Löcher im Netz fädele oder die Materialien mit unsichtbarem Faden oder manchmal auch mit metallischem Stickgarn fixiere, um einen anderen visuellen Effekt zu erzielen.

Beides sind in der Natur sehr verbreitete Muster. Das wiederkehrende Kreismotiv in meinen Arbeiten spiegelt in hohem Maße die grundlegende Idee des Lebenskreises wider, den Kreislauf von Wachstum und Erneuerung. Ich denke dabei auch an die Kreise, die man in Baumringen sieht und die eine historische Aufzeichnung dieser sich wiederholenden Zyklen der Natur darstellen.

Verzweigte Strukturen faszinieren mich, denn sobald man anfängt, nach ihnen zu suchen, sieht man sie in der Natur in allen Größenordnungen – von den winzigsten Adern in einer zarten Pflanze über Bäume bis hin zu verzweigten Flussläufen, die man von oben betrachtet. Verzweigungen spiegeln wider, wie sich das Leben anpasst, neue Wege sucht und seine Ressourcen verteilt.

Beides zusammen vereint die Idee des Wachstums in der Natur: Die Kreise wachsen von einem Zentrum nach außen, die Verzweigungen reichen nach außen in neue Räume.

Warum natürliche Unregelmäßigkeit mit ordentlichen Formen vermischen – was sagen Sie damit über die Harmonie mit der Natur aus?

Tatsächlich gibt es in der Natur überraschend viel Geometrie und Symmetrie, auch wenn wir das nicht immer bemerken, es sei denn, wir suchen danach – denken Sie an einen Tannenzapfen oder ein Blütenblatt –, aber oft handelt es sich nicht um perfekte Symmetrie, was mit ein Grund dafür ist, dass es sich lebendig anfühlt. In gewisser Weise versuche ich, diese Idee einer Koexistenz zu vermitteln, die bereits in der Natur vorhanden ist, zwischen Wildheit und einem gewissen Maß an Präzision.

Auf einer anderen Ebene ist es typisch für den Menschen, der Natur eigene Strukturen und Grenzen aufzuerlegen – wir fassen Dinge in ordentliche Rahmen ein, um uns einen Überblick zu verschaffen. Das Werk suggeriert also die Vorstellung eines Gleichgewichts, in dem menschliche Strukturen die Natur stützen, anstatt zu versuchen, sie zu unterwerfen.

Warum verwenden Sie Tüll als Hintergrund?

Praktisch gesehen hat er eine Netzstruktur, mit der ich die organischen Elemente an Ort und Stelle halten kann, aber er ist auch so leicht, dass er als Hintergrund fast transparent und unsichtbar wird. Er lässt die organischen Materialien so wirken, als würden sie schweben, was dem Werk durch ein Schattenspiel bei den richtigen Lichtverhältnissen eine zweite Dimension verleiht.

Allgemeiner gesagt gefällt mir, dass Tüll auch mit den Themen Weiblichkeit und Fruchtbarkeit verbunden ist, die ich in meiner Arbeit erforsche. Der Stoff wird am ehesten mit Brautmode assoziiert, daher passt es gut, ihn als Hintergrund für Kunstwerke zu verwenden, insbesondere für Samenstände, die zukünftiges Leben in sich tragen. Aufgrund seiner Verbindung zur traditionellen Stickerei knüpft er an die Geschichte der häuslichen Arbeit von Frauen und deren traditionelle Ausgrenzung aus den Hierarchien der bildenden Kunst an.

Was bedeutet es, die Natur als Partnerin zu betrachten?

Für mich bedeutet es, mir bewusst zu machen, wie meine Arbeit von der Natur geleitet wird, und dies zuzulassen. Wenn ich draußen in der Natur bin, halte ich immer Ausschau nach Dingen, die mir eine neue kreative Idee geben könnten. Vielleicht pflücke ich einen Ast, der eine bestimmte Form hat, und das wird der Ausgangspunkt für mein Kunstwerk sein – ich überlege mir, wie dieser Ast auf meinem Stoff platziert wird und den Raum aufteilt.

Ich skizziere meine Arbeiten nicht vorab, sondern beginne, mit jeder hinzugefügten Form Muster zu gestalten. Ich lasse mich von den Materialien selbst leiten – ich versuche nie, Dinge mit Gewalt an ihren Platz zu zwängen. Wenn etwas nicht an eine bestimmte Stelle passen will, probiere ich es an einer anderen aus.

Inwiefern hat Ihre Tätigkeit als Grafikdesignerin Ihre Pflanzenstickereien beeinflusst?

Ich glaube, die Arbeit als Grafikdesignerin hat mein Verständnis für die allgemeinen Gestaltungsprinzipien geschärft, die ich oben im Zusammenhang mit meinem Studium erwähnt habe. Aber dies hat auch direkt eine Werkserie inspiriert, die ich „Nature’s Poetry“ nenne und in der ich organische Materialien verwende, um Buchstabenformen zu gestalten. Diese Serie entstand aus meiner großen Freude an der Arbeit mit Typografie während meiner Zeit als Grafikdesignerin.

Können Sie mir etwas über ein Werk erzählen, das zeigt, wie das Leben in der Zukunft weitergeht?

Mein Werk mit dem Titel „Nest“ ist ein gutes Beispiel dafür, aufgrund der Symbolik der verzweigten Zweige, die die Erlenzapfen umgeben. Es ähnelt nicht nur buchstäblich einem Nest, sondern ich hoffe, dass es auch die Ideen eines lebendigen Netzwerks, eines geschützten Zentrums und einer zyklischen Struktur vermittelt – zusammen genommen ist dies die Art und Weise, wie die Natur überlebt.

Der äußere Kreis soll wie ein unendliches, unterstützendes Lebenssystem wirken, während die Zapfen im Inneren das wartende Leben darstellen – das Potenzial des nächsten Wachstumszyklus, das bewacht wird, bis es bereit ist.

Sie lieben es, kreativ zu sein. Wohin wird Sie das Ihrer Meinung nach in naher Zukunft führen?

Letztes Jahr hatte ich das Glück, das QEST Clothworkers Company-Stipendium zu erhalten, mit dem ich Fortbildungskurse in Haute-Couture-Sticktechniken und Vergoldung absolviert habe. Ich stehe noch ganz am Anfang, um herauszufinden, wie ich das Gelernte in meiner kreativen Arbeit mit organischen Materialien anwenden kann, aber ich habe viele Ideen und bin gespannt darauf, welche davon Potenzial haben.

Olga Prinku hat eine schöne Website: https://www.prinku.com/