Portraits & Interviews

Interview mit der französischen Textilkünstlerin Olivia Babel

Rund 100 Stunden benötigt Olivia Babel, um eines ihrer Kunstwerke zu weben. Auf Instagram kann man ihr dabei zusehen. Ich wollte mehr über sie wissen und habe sie interviewt.

Vous pouvez télécharger ici l’interview dans sa version originale en français.

Wo sind Sie aufgewachsen und wo leben Sie heute?

Ich bin in Lyon, Frankreich, geboren. Dort bin ich aufgewachsen und dort habe ich den ersten Teil meiner Schulzeit verbracht. In Lyon habe ich Textildesign an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts de Lyon studiert.

Anschließend lebte ich zwei Jahre lang in Angers im Westen von Frankreich, wo ich einen Abschluss in Textilkunst an der École Supérieure des Beaux-Arts d’Angers erworben habe. Diese Ausbildung ermöglichte es mir, meine Kenntnisse im Bereich der Textilkunst zu vertiefen, insbesondere im Bereich des Webens.

Derzeit pendele ich aus persönlichen und beruflichen Gründen zwischen Lyon und Dubai.

Hat die Kunst Sie schon seit Ihrer frühen Kindheit fasziniert?

Ich hatte schon immer ein großes Interesse an kreativen Tätigkeiten. Als Kind konnte ich mich stundenlang konzentrieren, wenn ich zeichnete. Im Alter von etwa sechs Jahren entdeckte ich das Sticken dank meiner Großmutter, einer ehemaligen Schneiderin und Stickerin. Ich habe mich sofort in diese Kunstform verliebt.

Der Gedanke, Künstlerin zu werden, kam mir nicht von selbst. Lange Zeit wollte ich Modedesignerin werden. Nach der 9. Klasse entschied ich mich, am Gymnasium ein Studium der angewandten Kunst zu beginnen. Diese Jahre waren für mich besonders prägend. Dort traf ich Mitschüler, die dieselben Interessen und Neigungen teilten.

Dort habe ich mir auch ein fundiertes künstlerisches Wissen sowie Kenntnisse in Kunstgeschichte, Architektur und Design angeeignet. Diese Ausbildung ermöglichte es mir, meine technischen und künstlerischen Fähigkeiten weiterzuentwickeln, insbesondere im Zeichnen und in der Malerei.

Meine Kunstgeschichtsstunden waren eine echte Quelle der Inspiration. Ich habe mich von einem äußerst reichen Fachgebiet inspirieren lassen, das bis heute meinen Blick und meine Praxis beeinflusst. Zu den Kunstbewegungen, die mich besonders geprägt haben, gehören der Jugendstil, der Klassizismus, der Barock, das Rokoko sowie der Neue Realismus.

Inwiefern haben Ihre Ausbildung an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Lyon und Ihre Spezialisierung auf Textilkunst in Angers Ihre Herangehensweise an das Thema Raum und Kartografie beeinflusst?

Durch mein Textildesign-Studium in Lyon konnte ich bei der Gestaltung meiner Werke ein ausgeprägtes Gespür für Komposition, Farbe und Formen entwickeln. Anschließend bot mir meine Ausbildung in Textilkunst in Angers die Möglichkeit, präzise technische Fähigkeiten im Bereich der handwerklichen Tapisserie zu erwerben. Sie ermöglichte es mir zudem, nach und nach ein einzigartiges künstlerisches Universum aufzubauen, das von meinen persönlichen Inspirationen geprägt ist.

Sie sagen, Sie stellen Räume in all ihren Formen dar, um unsere Beziehung zur Umwelt zu hinterfragen. Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, wie sich dies in einem Werk niederschlägt?

Meine Werke sind abstrakte Darstellungen dessen, was ich in der lebendigen Welt wahrnehme. Die Abstraktion eröffnet mir ein Feld von Möglichkeiten, das es mir erlaubt, die Natur in vielfältigen Formen zu erforschen. So versuche ich, bestimmte Empfindungen oder Eindrücke aus der Natur wiederzugeben – sei es aus der Pflanzen-, Mineral- oder organischen Welt. Diese Wiedergaben nehmen Gestalt an durch Stick- oder Webarbeiten.

Welches französische Know-how schätzen Sie besonders und warum?

Seit etwa zehn Jahren hege ich eine echte Faszination für den Knotenstich in der Stickerei. Dies ist der Stich, den ich neben dem Stielstich am häufigsten verwende. Der Knotenstich ermöglicht es mir, dichte und strukturierte Flächen zu schaffen, und das ist wahrscheinlich einer der Aspekte des kreativen Schaffens, die ich am meisten schätze.

Ich habe mich dem Weben zugewandt, weil ich den Wunsch hatte, größere Werke zu schaffen. Meine Absicht war es, durch das Weben eine Atmosphäre wiederzugeben, die derjenigen ähnelt, die meine Stickereien ausstrahlen.

Ich habe mich schnell für verschiedene Techniken interessiert, insbesondere den Knotenstich, den einfachen Stich und den Driadi *, die heute zu meinen Lieblingsstichen zählen.

Warum werden Ihre Werke alle in Lyon von Hand gefertigt?

Lyon ist eine Stadt, die historisch durch ein reiches textiles Erbe geprägt ist, insbesondere durch die Seidenweberei und den Textildruck. Dass meine Werke dort entstehen, liegt auch daran, dass ich derzeit dort lebe und mein Atelier sich dort befindet.

Könnten Sie Ihren Schaffensprozess beschreiben, von der Inspiration bis zur Umsetzung?

Die Natur ist meine wichtigste Inspirationsquelle. Ich lasse mich von meiner täglichen Umgebung inspirieren. Entgegen dem Bild, das man manchmal von ihr hat, ist die Natur überall präsent, auch in der Stadt. Sie kann sich im Geräusch des Regens, im Gesang eines Vogels oder auch im Moos zeigen, das an der Ecke einer Gasse wächst. Je unauffälliger oder seltener sie ist, desto wertvoller und offensichtlicher erscheint sie mir.

Ich lasse mich auch von Literatur und Musik inspirieren. Die Schriften von Balzac berühren mich besonders, und ich empfinde eine tiefe Verbundenheit mit der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Das Hören großer Komponisten wie Mozart oder Haydn nährt ebenfalls meine Vorstellungskraft. Ich nehme darin Rhythmen, Harmonien und Dynamiken wahr, die meine Sensibilität und meinen künstlerischen Ausdruck beeinflussen.

Meine Webarbeiten entstehen aus abstrakten Formen, die ich instinktiv im Maßstab 1:1 auf Papier zeichne. Diese Zeichnungen werden dann zu Vorlagen, die ich hinter meinen Webrahmen lege, um die Realisierung meiner Werke zu leiten. Die Wahl der Farben, der Fäden und der Techniken entwickelt sich nach und nach im Laufe des Webprozesses.

Welche Begegnung mit dem Publikum hat Sie bei Ihren Ausstellungen am meisten beeindruckt?

Jede Begegnung mit dem Publikum ist mir wichtig. Besonders gerne beobachte ich die Reaktionen der Besucher auf meine Arbeiten.

Sind Sie heute Vollzeit-Künstlerin und können Sie von Ihrer Kunst leben?

Ja, ich lebe heute von meiner künstlerischen Arbeit. Das ist meine tägliche Beschäftigung, und ich bin zutiefst glücklich darüber.

Welche Orte oder Projekte würden Sie sich für Ihre zukünftigen künstlerischen Erkundungen wünschen?

In Zukunft möchte ich meine Werke weiterhin in Kunstgalerien ausstellen. Außerdem möchte ich Kontakte zu internationalen Kunstinstitutionen knüpfen. Und schließlich möchte ich ab 2027 Führungen durch mein Atelier anbieten.

Auf der Instagram-Seite der Künstlerin finden Sie weitere Bilder:
https://www.instagram.com/oliviababel/?hl=en  
Dort kann man ihr auch beim Weben zusehen.

* Dri a di ist eine Tapisserie-Technik, bei der der Schussfaden um die Kettfäden gewickelt wird, um eine klare Kontur oder einen sauberen Abschlussrand im Textildesign zu erzielen.
DRI A DI → Konturtechnik durch Schussfadenumwicklung in der Tapisserie.