Portraits & Interviews

Interview mit der chilenischen Textilkünstlerin Carolina Yrarrazaval

Carolina Yrarrazaval ist eine Künstlerin, die möchte, dass das Publikum die Wandteppiche mit den Händen berührt, damit es neben dem Betrachten auch die Sinnlichkeit des Materials spürt. Ich wollte mehr über sie wissen und konnte sie interviewen.

Here you can download the interview in English.

Aquí puede descargar el texto de la entrevista en su versión original en español.

Was hat Sie dazu inspiriert, mit Baumwolle, Jute und Leinen zu arbeiten?

Der erste Impuls entsteht durch das Gefühl, das ich verspüre, wenn ich auf Materialien mit eigenem Charakter stoße, die im Dialog mit mir reagieren können. So vereint das Endergebnis die Kreativität mit der Magie, die beim Weben entsteht und in der Faser schlummert.

Ich schätze pflanzliche Materialien wegen ihrer Vielfalt und ihres unterschiedlichen Charakters. Es begeistert mich, den besten Weg zu finden, um ihre Qualitäten zur Geltung zu bringen.
Leinen sticht neben undurchsichtiger Jute hervor. Die Kontraste werden interessanter, und ihr Gewicht verleiht den Wandteppichen einen sehr ansprechenden Fall.

Warum bevorzugen Sie überwiegend dunkle und neutrale Farben?

Schwarz steht für viele Dinge, die mich faszinieren. Schwarz ist Leere, Unendlichkeit, Geheimnis und das Verborgene. Im Kontrast zu den vielfältigen natürlichen Farben der Pflanzenfasern werden die Eigenschaften der Schwarztöne betont.

Ich arbeite gerne mit Farbpaletten, bei denen ich mit jedem Färbeprozess versuche, meine eigenen Farben widerzuspiegeln.

Wie schaffen Sie es, in Ihren Werken so ausdrucksstarke Texturen zu erzeugen?

Textur und Farbe spielen in meiner kreativen Arbeit eine zentrale Rolle. Ausgehend von den jeweiligen Eigenschaften der Materialien versuche ich, diese durch ihre Unterschiede hervorzuheben und allein durch Variationen bei den Knoten oder Webtechniken vielfältige Farbtöne zu erzeugen.

Was bedeutet Einfachheit für Sie als Künstlerin?

Als lateinamerikanische Künstlerin haben mich schon immer die starken Menschen der Anden fasziniert, die im Einklang mit der Natur leben, umgeben von ihrer Schönheit, die sich oft in eine raue Umgebung verwandelt. Eine bemerkenswerte Gemeinschaft aus der präkolumbianischen Zeit, die alte Traditionen über die Zeit hinweg bewahrt hat. Ihre Stille und Einsamkeit rührt mich zu unendlicher Emotion. In meiner Arbeit suche ich nach Wegen, Formen zu schaffen, die von dieser andinen Essenz erzählen, voll der Schönheit und Würde, die wir verloren haben. Während meiner gesamten künstlerischen Laufbahn habe ich mich der Erforschung traditioneller Textiltechniken aus verschiedenen Kulturen gewidmet und versucht, diese an meine kreativen Bedürfnisse anzupassen. Abstraktion war stets als ästhetisches Ziel präsent und prägte meine Wahl von Materialien, Formen, Texturen und Farben. Die schlichten Proportionen werden von einem intuitiven Gespür geleitet, das den Einsatz mathematischer Formeln vermeidet. Es gibt weder Botschaft noch Interpretation. Diese Vereinfachung und Freiheit von konzeptuellen Zwängen verbinden sich zu einer Sprache, die andere Eindrücke hervorruft, wie Leere und das Bedürfnis nach Strenge und Sinnlichkeit, Stille und Einsamkeit. Einfachheit ist das Wesentliche.

Können Sie die Idee hinter Ihrem Werk „Homenaje“ beschreiben?

Ich habe den Wandteppich „Homenaje“ zu Ehren eines lieben Freunds und Kollegen geschaffen, der plötzlich verstorben ist. Er steht für ein würdevolles Leben und einen würdevollen Tod, wobei die abschließende schwarze Umhüllung das Ende unterstreicht.

Was hat die Farben in „Suplementaria“ inspiriert?

Die behutsame Auswahl bei jeder Entscheidung, insbesondere bei den Farben, die Teil des langsamen und stillen Schaffensprozesses ist, macht meine Arbeit aus. Gleichzeitig ist die Technik komplex, und das Streben nach Perfektion macht den kreativen Prozess zu einer äußerst geduldigen und reflektierten Übung.

Warum ist „Momia“ ein wichtiges Werk für Sie?

Dieser Wandteppich ist das Ergebnis eines tiefen Interesses, das ich schon immer für Mumien und ihre großartigen Textilarbeiten hatte. Ägyptische Mumien sind außerordentlich schön und komplex. Nun habe ich mich mit den Chinchorro-Mumien aus Nordchile beschäftigt, die übrigens viel älter sind als die ägyptischen und erstaunlich zart.

Was sollen die Menschen empfinden, wenn sie Ihre Kunst sehen?

Ich  möchte, dass das Publikum die Wandteppiche mit den Händen berührt, damit es neben dem Betrachten auch die Sinnlichkeit des Materials spürt, sodass ein Ort in der Seele berührt wird, und sei es nur für einen kurzen Augenblick.

Warum haben Sie begonnen, dreidimensionale Installationen zu schaffen?

Vor vielen Jahren verspürte ich das Bedürfnis, mich von der Wand zu lösen, um mehr Bewegungsfreiheit zu erlangen und alle Seiten eines Werks zu offenbaren.

Wo sehen Sie sich selbst und Ihre Kunst in etwa 10 Jahren?

Ich sehe mich in meinem Atelier am Meer arbeiten, so wie ich es schon seit langer Zeit tue. Auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten.

 

Mehr Arbeiten von Carolina Yrarrazaval finden Sie auf
https://www.yrarrazaval.com/index.php/obras/